Woher? wohin? – und mittendrin

“Ein Enden, ein Ausatmen für ein neues Beginnen.”

Manfred Hinrich

Nach Abgabe unseres Campers Ende Dezember in Auckland bezogen wir eine kleine über AirBnB angemietete Wohnung am Hafen direkt am Princess Wharf, einem Anleger für große Kreuzfahrtschiffe. An Silvester konnten wir wunderbar das kurze Feuerwerk auf dem Skytower (Fernsehturm) beobachten. Hier in NZ gibt es kaum bis keine private Knallerei und auch keine mal eben aus dem Boden gestampften Shops für Böller. Eine Wohltat für Mensch und Tier.

Wir konnten es sehr genießen, mal wieder ein Sofa zum Ausstrecken, ein richtiges Bett! und vor allem ein Bad mit Dusche und Waschmaschine vor Ort nutzen zu können. Eine schicke, moderne Wohnung von 40qm in einem neu gebauten Haus am Hafen war ein Monat zu unserer Heimat geworden. Lustigerweise oder besser gesagt zunächst sehr irritierend waren unsere Mitbewohner*innen, die wir bereits am ersten Tag kennenlernen durften: KAKERLAKEN! Wir waren in Tibet und in Nepal in teilweise sehr fragwürdigen hygienischen Bedingungen gewesen, aber die Kakerlaken treffen wir hier in höchster Zivilisation. Nach dem ersten Schreck gewöhnten wir uns mehr oder minder aneinander. Bis dato waren wir keine Kakerlakenkennerinnen. Und auch heute noch frage ich mich woher sie kommen, was sie tun, wovon sie sich ernähren. Kann ja Google oder Wiki fragen, mach ich noch 😉

Sie kamen plötzlich aus irgendeiner Ecke. Feucht und warm haben sie gern, und das ist es hier in Auckland, in der Wohnung sowieso. Es gibt keine Klimaanlage und hier ist Sommer. Die erste Woche fingen wir ca. 10-15 pro Tag, danach etwas weniger. Doch es hörte nicht auf. Nach den Brummern im Retreat war ich nun zur Kakerlakenbeauftragten ernannt worden. Mit Topfdeckeln bedeckten wir alle möglichen Wege zu und von Abflüssen. Doch auch das half nichts. Sie saßen seeehr geduldig in irgendwelchen Ecken. Also fingen wir sie weiter ein und setzen sie draußen im Blumenbeet aus. Man kann sich ja an allerhand gewöhnen. Und angreifen tun sie nicht. Unser Bett und das Wohnzimmer war auch Tabu – warm und feucht ist es in Küche und Bad. Mit der Zeit wurden wir ruhiger und die Damen und Herren auch. German Cockroach – deutsche Kakerlaken – werden sie genannt. Ist das nicht lustig? Gibt es in Deutschland tatsächlich Kakerlaken? Haben die deutschen Siedler sie damals um 1850 eingeschleust? Oder benehmen sich Deutsche in NZ so, als könnte man da einen Vergleich ziehen? 😉

Die erste Woche war richtig hart. Wir waren lange in schönster Natur mit viel Stille gewesen. Nun Stadt pur und wir mittendrin! Das war alles zuviel. Doch mit dem Ankommen und der Gewöhnung konnte auch hier Freude gefunden werden. Wir erkundeten die Stadt zu Fuß und per Bus, genossen Zeit in der Wohnung und auch viel am Hafen und in Parks. Anfang Januar ging Sonja für 2 Wochen in einen Englisch-Sprachkurs und erlebte allerhand. Multikulti aus aller Welt – zumeist 19+. Das Tempo dort ordentlich, und das Erstaunen war groß als die Erinnerung eintrat, wie umfangreich die Grammatik doch ist. Morgens bis nachmittags Schule, Hausaufgaben und lernen – das schlaucht. Lustig war es dennoch, gab es interessante Begegnungen, Information über Land und Leute und neues Wissen. Ich partizipierte unglaublich von Sonja’s Wieder- und Neugelerntem, war aber auch überrascht, mit welchem Tempo der Lehrplan durchgezogen wird. Das stellt sich die Frage: Ist das ein gutes Format, um eine Sprache zu lernen? Erfahrung ist gut, jedoch müssen zukünftig andere Methoden her.

Jeden Morgen gingen wir zu Fuß zum wunderschönen Albert Park. Schulkind Sonja zur Schule, und ich startete meine Joggingrunde. Danach Schreiben, Stadt ansehen etc. und nachmittags neben Hausaufgaben und Vokabeln lernen an den Hafen Schiffe gucken oder in den Park oder oder. Leckeres Eis gibt es auch und Smoothies. Mit dem Hausmeister und dem netten Wohnungseigentümer gab es Schnack zum Umgang mit den Kakerlaken, und in der Stadt kommt man unglaublich fix ins Gespräch mit Menschen bzw. die Kiwis mit uns. Deutsche sind doch im Allgemeinen deutlich zurückhaltender und verschlossener als die Kiwis. Egal, wo man ist, ein Gespräch ist ganz nah. Das ist wirklich eine tolle Eigenart, Menschen anzusprechen, miteinander zu lachen und voneinander zu lernen.

Grandios sind die vielen Alkoholverbotszonen, die an öffentlichen Plätzen ausgewiesen sind. Hier darf keinerlei Alkohol konsumiert werden, und es gibt Menschen, die das kontrollieren. Dadurch gibt es in Parks, am Hafen und an vielen anderen Orten weder betrunkene, noch gewalttätige oder gröhlende Menschen. Es sind Plätze zum Wohlfühlen und diese sehen auch so aus. Des Weiteren gibt es eine große Baustelle hier in der Nähe, wo eine neue Metrolinie gebaut wird. Wie auf anderen Baustellen auch, werden an jedem Straßenübergang/Kreuzung Menschen in orangenen Warnwesten positioniert, die den Verkehr absichern. Die stehen da den ganzen Tag und langweilen sich vermutlich. Dennoch: Die Übergänge sind sicher. Baustellen auf Straßen werden ebenso mit Menschen (nicht Ampeln) gesichert. Hier stehen ebenfalls orange-bewestete Menschen ein Schild hochhalten, das wahlweise auf STOP in rot oder GO in grün gedreht werden kann. So wird dann der Verkehr geregelt. Und da jede/r Vorbeifahrende Mitgefühl mit den Menschen hat, die da bei Wind und Wetter an der Straße irgendwo in NZ stehen, um das Schild alle paar Minuten zu drehen, bedankt man sich als Autofahrer*in und grüßt per Handzeichen. Famos auch: In ganz NZ haben wir kein einziges Graffiti oder irgendwelche Wandschmierereien gesehen. Außer 2 Wände in einer Gasse in Wellington, die bewusst mit künstlerisch gestalteten Graffitis verziert worden sind.

Zwischendurch fuhren wir 2x mit der Fähre direkt hier vom Hafen 2,5 Std. übers Meer zur wunderschönen Coromandel Halbinsel, wo Marianne uns mit ihrem Auto abholte und uns Insel und Kraftorte zeigte sowie Freunde vorstellte. Abends ging es jeweils mit der Fähre wieder zurück. Nach Coromandel werden wir sicher nochmal für eine längere Zeit zurückkehren. Hier gibt es viele künstlerlisch begabte Menschen, die Wunderbares auf die Beine stellen, tollste Natur und einige Retreatzentren, wie z.B. das Dharma Gaia Retreat Centre (Thich Nath Hanh).

Während Sonja noch im Sprachkurs weilte, ins buddhistische Zentrum ging und sich mit Leuten von Sprachschule und Zentrum traf, fuhr ich per Bus über Nacht 11 Std. von Auckland nach Wellington. Da merkte ich doch sehr, dass ich nicht mehr 20 bin 😉 Vor Jahren ging das noch besser ohne Schlaf durchzumachen. In Wellington wohnte ich die Woche über im Kadampa Meditation Centre Wellington und half, das NZ Kiwi Kadampa Festival mit vorzubereiten. Eine tolle Zeit! Tamara, die Administratorin des Zentrums, kannte ich bereits von Festivals und hatte sie vorab angefragt. So sahen wir uns wieder, und in Windeseile kamen weitere Bekanntschaften hinzu. Wir verbrachten eine schöne Zeit miteinander – beständig im Tun für das am darauffolgenden Wochenende stattfindende Festival, jedoch mit großer Freude, Teepausen und Gesprächen. Meine Aufgaben reichten von Autos, Fenster und Räume saugen, putzen und wischen sowie Bettwäsche und Roben (Kleidung Ordinierter) bügeln zu Gemüse schnippeln, einkaufen und den Shop in den Räumlichkeiten des Festivals, im Intercontinental Hotel, aufbauen, Produkte auspreisen und und und. Am Freitag gab Gen-la Jampa, ein amerikanischer Mönch und wundervoller Lehrer, einen öffentlichen Vortrag im Intercontinental, zu dem ca. 100 Gäste kamen. Ich genoss es sehr, ihn persönlich zu sprechen, hatte ich ihn bis dato nur auf größeren internationalen Festivals gehört. Von Freitag bis Montag fand das Festival statt, für das ca. 80-100 Gäste aus ganz Neuseeland angereist waren – Ordinierte wie Laien, also Menschen wie Du und ich, die interessiert sind an buddhistischer Meditation, Philosophie, Ethik und Psychologie. Eine sehr schöne Zeit mit viel Inspiration und tollen Begegnungen. Schließlich fuhr ich wieder per Bus – doch diesmal 11 Std. tagsüber – nach Auckland zurück und konnte nochmal viele Orte, an die wir bereits gereist waren, wiedersehen oder neue kennenlernen. In jedem Fall: Ein wunderschönes Land, NZ.

Zurück in Auckland blieben uns noch 2 Tage. Ganze 2 Tage bis zur Rückkehr nach Deutschland. Unglaublich. Unfassbar schnell ist die Zeit vergangen. Gerade während des Schreibens dieses Artikels sind es weniger als 24h bis zum Abflug. Die Rucksäcke gepackt, das letzt Kreuzfahrtschiff im Hafen abfahren sehen, das letzte Mal im Albert Park, das letzte Mal in der Stadt, die letzte Kakerlake 😉

Mehrmals wurde ich gefragt: Freust Du Dich zurückzukommen? Was kann ich darauf antworten: JEIN. Ja, weil ich mich auf so einige Menschen freue. Nein, weil ich mich nicht auf bestimmte Strukturen und To Dos freue. Wir könnten gerade noch weiterreisen z.B. nach Sri Lanka und dann nach Süd-Indien und dann….:-) Und Winter mit Matsch und Kälte ist jetzt auch nicht unbedingt so ein Highlight, wenn man denn Sommer und Sonne haben kann.

Dennoch kommen wir, und erst recht kommen wir. Deutschland ist ebenfalls ein schönes Land, mit schönen Sitten und Orten, mit schönen Menschen. Viel nehmen wir von der Reise mit, sehr bereichernd war es. Veränderungen wurden angestoßen oder haben sich weiterentwickelt, neue Ideen sind aufgekommen, neue Freundschaften wurden geschlossen, inspirierende Dinge wurden erfahren, neue Sichtweisen eröffnet, der Horizont erweitert. Jeder und jedem nur zu empfehlen. Überhaupt sollte es möglich sein, alle paar Jahre eine längere Auszeit zu nehmen und sich Neuem und Anderem auszusetzen. Das wäre heilsam für Menschen und für die Welt. Wer sich für andere Perspektiven, Gebräuche und Orte öffnet, hat die Möglichkeit toleranter mit anderen zu sein, sich nicht mehr so wichtig und ernst zu nehmen, das Gelernte und Sozialisierte zu hinterfragen und neue Brücken und Verbindungen zu schaffen. Das täte dem Frieden in der Welt sehr gut.

Wie wird es sein? Wird es Veränderungen geben? Wie wird das Ankommen? Was passiert jobmäßig? Wie wirkt sich die Reise aus? All diese und weitere Fragen kommen auf…und dürfen sein. Herzlich willkommen sind sie, und ich bin mir sicher, wir finden einen guten Weg, mit ihnen zu leben uns vielleicht sogar hier und da eine gute Antwort irgendwann geben zu können. Dann, wenn sich die Erfahrung entfaltet.

Vor allem: Das Ende der einen Reise ist der Anfang der nächsten Reise 🙂

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3 Kommentare

  1. Danke für´s Mitreisen-lassen ihr beiden! Es war eine tolle, bunte, tiefgehende Fahrt am heimischen Laptop… Danke auch für all die Arbeit, Liebe, Zeit und Herzblut, die ihr in diesen Blog gesteckt habt!

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