Hospiz in NZ – clarity & kindness for everyone

“Wenn du des Daseins Kranz zu erwerben, wenn du dich selbst zu vollenden begehrst, lebe, als müßtest du morgen sterben, strebe, als ob du unsterblich wärst!”

Emanuel Geibel

Gespannt, die Hospizbewegung in Neuseeland kennenzulernen, hielten wir an einem Morgen vor Weihnachten mit unserer Kiwi Wonder Camperin in einer ländlichen Gegend, um ein stationäres Hospiz zu besuchen. In einer Einfamilienhaussiedlung im Bungalow-Stil in der Kleinstadt Timaru zwischen Holzhäusern, wie sie so typisch sind in NZ, stießen wir zunächst auf einen Hospiz-Shop, der gleich neben dem stationären Hospiz ansässig ist. Wie wir später erfuhren, bilden die Hospiz-Shops (ähnlich wie in England) eine wichtige Einnahmequelle für die Hospizversorgung und sind gleichermaßen ein Ort, an dem sich Ehrenamtliche (hier Volunteers genannt) engagieren. In dem Hospiz-Shop werden “second hand” Produkte, wie Frauenkleidung, Modeschmuck, Porzellan-, Glas- und Silbergeschirr und vieles mehr verkauft. In einem weiteren Shop direkt in der Innenstadt gibt es Möbel, Männerkleidung, elektronische Geräte und Bettwäsche zu kaufen.

Um die Ecke in einer ruhigen Straße befindet sich der Eingang des South Canterbury Hospice mit einem sehr gepflegten Vorgarten voller Blumen. Das Haus passt sich unglaublich gut in die Wohnhaussiedlung ein, und ich öffnete die Tür, als würde ich mal eben bei meinem Nachbarn vorbeischauen. In einen sehr gemütlichen Flur mit Teppichboden eintretend, erspähte ich zur Linken einen kleinen Empfangstresen, der jedoch gerade nicht besetzt war. Lachen und freundliche Frauenstimmen waren zu hören und dies kaum vernommen, trat eine galant gekleidete Lady in Erscheinung (deren Funktion und Name ich leider nicht mehr erinnere und auch bisher nicht herausfinden konnte). Auf meine Anfrage hin, schien sie sehr erfreut und führte uns sogleich durch “ihr” Hospiz.

So konnte ich u.a. in Erfahrung bringen, dass 7 Einzelzimmer für Patient*innen vorhanden sind und die Finanzierung der stationären Hospize in NZ zumeist auf Spenden beruht. Lediglich 2 der Gehälter von angestellten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen werden hier von der Kommune unterstützend finanziert. Kaum auszumalen in Deutschland, wo die Krankenkasse 95% der Kosten je Patient*in übernimmt (In der Realität weniger, da Kosten für Trauerbegleitung, Öffentlichkeitsarbeit etc. gar nicht erst einkalkuliert werden, dennoch!).

Die Patient*innen und deren Zugehörige werden von Gesundheits- und Krankenpflegekräften mit Palliative Care Qualifizierung gepflegt. Des Weiteren sind Berater*innen, Trauerbegleiter*innen, Therapeuti*nnen und Personen in Haushaltsdingen und Verwaltung vor Ort. Das angrenzende “Therapeutic Centre” bietet verschiedenartige Dienstleistungen der Komplementärtherapie und Entspannung für Patient*innen an, wie Massage, Meditation, Biografiearbeit, Kunsttherapie, emotiale und spirituelle Unterstützung, Reiki, Entspannungstechniken, Aromatherapie, Scrapbooking (Erstellung von Sammelalben/Fotoalben) sowie weitere kreative Angebote.

In dem Hospiz werden Patient*innen mit spezialisierter Palliative Care versorgt und begleitet, die an Krebserkrankungen, COPD, ALS und anderen lebenslimitierenden (chronischen) Erkrankungen leiden. An- und Zugehörige können im Zimmer ihrer zu Umsorgenden nächtigen (Rooming-In). Weiterhin steht ein kleineres Extrazimmer für An- und Zugehörige zur Verfügung, und auch eine Hospizkatze ist vor Ort für die Streichel- und Schmuseeinheiten 🙂

Viele Patient*innen kommen auch nur zeitweise in das Hospiz, wenn z.B. eine komplexe Situation von Schmerz, Übelkeit und Erbrechen, Atemnot oder anderen Symptomen einen temporären Aufenthalt rund um die Uhr erfordert. Ebenso ist dies möglich, wenn Angehörige überfordert sind, Urlaub machen oder aus anderen Gründen eine Überweisung notwendig ist. Die Entscheidung darüber, wer aufgenommen wird, wird in gemeinsamen Meetings aller beteiligten Professionen und Versorgungssettings getroffen. Hier sitzen regelmäßig Expert*innen aus Gemeindepflege, Medizin (Allgemein- und Fachärzt*innen), Hospiz, Therapie etc. zusammen, um den Einzelfall zu besprechen und Situation, Bedarfe, Bedürfnisse sowie Prioritäten einzuschätzen.

Ein paar Wochen später Mitte Januar (im Sommer ;-)) besuchte ich Anjalee, die das Büro des Amithaba Hospice Service in Avondale, einem Stadtteil von Auckland, leitet. Mit ihr hatte ich bereits vorab, noch bevor wir unsere 6-monatige Reise starteten, Kontakt aufgenommen. Anjalee ist Psychologin und ursprünglich aus Sri Lanka. Sie ist mit ihrem Mann vor wenigen Jahren nach Neuseeland gekommen. Ich hatte über praktizierende Buddhisten von diesem buddhistischen ambulanten Hospizdienst gehört und war sehr interessiert zu hören, wie dies gelebt wird.

Der Hospizdienst ist in einem kleinen Haus am Ende einer Straße einer Wohnhaussiedlung lokalisiert. Gleich nebenan befindet sich das Dorje Chang Institute for Wisdom Culture, ein buddhistisches Zentrum des Mahayana-Buddhismus, mit einem Wohnhaus, kleinen Hütten für Gäste, einem kleinen Tempel und einem wundervollen Gartenparadies, wo ich mich zunächst noch etwas aufhielt und drei Runden um den Stupa drehte 🙂 Was für eine Stille und Schönheit!

Anjalee lud mich sogleich in ihr Büro ein und zeigte mir dann die Hospizräume: Teeküche, den Gemeinschaftsraum, in dem ca. 60 Personen Platz haben sowie das Wohnzimmer. Hier finden die Treffen der Ehrenamtlichen (Volunteers) statt. Neben Anjalee sind 2 Koordinatorinnen angestellt, eine Holländerin, die Sozialarbeiterin ist und eine Kiwi, die Gesundheits- und Krankenpflegerin von Beruf ist. Ein bunter kultureller Haufen, wie in ganz NZ zu finden 🙂

Von Anjalee hörte ich einiges über die Hospizbewegung in NZ. Als erstes Hospiz wurde das Mary Potter Hospice 1979 in Wellington begründet, 1982 das South Auckland Hospice in Auckland. 1983 entstand das North Shore Hospice, indem Ecie Hursthouse, die Begründerin des Amithaba Hospice Service, als Volunteer und Gebietskoordinatorin 3 Jahre arbeitete. Sie war inspiriert von den Lehren des Dalai Lama, die u.a. die Verantwortung für Menschen in Not betonen. In den späten 80iger Jahren besuchte ein weiterer tibetischer Lehrer, Sogyal Rinpoche, Neuseeland und berichtete von seinen Aktivitäten in Sterbebegleitung gemeinsam mit Elisabeth Kübler-Ross. Er verdeutlichte, wieviel die buddhistische Psychologie in Bezug auf den Umgang mit Sterben und Hilfestellungen für Sterbende zu bieten hat. Da es damals noch keinen ambulanten Hospizdienst in Auckland gab, bat Ecie Hursthuse ihren spirituellen Lehrer, Lama Zopa Rinpoche, um Unterstützung einen buddhistischen Hospizdienst zu eröffnen. Zopa Rinpoche gab dem Hospizdienst den Namen “Amithaba Hospice Service”, was auf den Buddha der Liebe und des Mitgefühls hinweist. 1994 wurde der Dienst eröffnet.

Der Hospizdienst hat mittlerweile über 1000 Volunteers in 7-wöchigen Kursen ausgebildet. Ca. 80 aktive Volunteers begleiten alte (im Unterschied zu Deutschland sind diese nicht zwangsläufig schwerkrank oder sterbend), schwerkranke und sterbende Menschen in ganz Auckland und Umgebung sowie in der Stadt Manukau und der North Shore. Sie bieten freie, kostenlose, praktische Unterstützung und Gesellschaft für Menschen jeglichen Alters mit lebenslimitierender Erkrankung oder fortschreitenden schwächenden körperlichen Bedingungen oder/und Demenz. Weiterhin bieten sie Patient*innen sowie An- und Zugehörigen umfassende Unterstützung in emotionalen, mentalen, kulturellen und spirituellen Bedürfnissen. Auch Trauerbegleitung durch professionell ausgebildete Begleiter*innen (nicht Ehrenamtliche mit Zusatzausbildung) wird ermöglicht.
Neben der Aus- und Fortbildung Ehrenamtlicher gibt es verschiedene Formate, wie öffentliche Kurse und Beratung von Patient*innen, An- und Zugehörige sowie anderen Versorgern in Medizin, Pflege und Therapie. Dienstags gibt es die Möglichkeit für einen Tagesaufenthalt mit dem Titel “Cuppa and Company”, wo Spiel, Reiki, Musik und Gespräche im Vordergrund stehen. Freitagsmorgens wird Kunsttherapie angeboten. Die Unterstützung des Dienstes kann über Ärzt*innen, Gesundheits- und Pflegekräfte, Therapeut*innen, Sozialarbeiter*innen oder Familienmitglieder initiiert werden.

Im großen Unterschied zu Hospizdiensten in Deutschland erfolgt die Finanzierung hier rein spendenbasiert bzw. über die Unterstützung durch Stiftungen. Dies ist eine von Anjalees Hauptaufgaben, regelmäßig und wiederkehrend Gelder bei Stiftungen zu beantragen. Von diesen Summen werden neben den laufenden Kosten die drei Gehälter der fest Angestellten bezahlt. Jedes Jahr ist unsicher, ob genug finanzielle Unterstützung vorhanden ist und alle ihren Job behalten. Dennoch hat man in keiner Sekunde den Eindruck, dass dies die Stimmung und Arbeit beeinträchtig. Anjalee sagt, sie tue so etwas Sinnvolles, das erfülle und befreie von Sorgen.

Ein besonderes Angebot ist das sog. “Peaceful Passing” – die Begleitung von Menschen unabhängig jeder Religion und Kultur am Ende des Lebens mit der Mission, spirituelle Freundschaft zu fördern und die inneren Ressourcen eines jeden Menschen sowie die persönliche spirituelle Kraft zu fördern und sie damit zu ermächtigen, friedvoll zu sterben. Hierfür werden interessierte Volunteers in einem Extra-Kurs ausgebildet. Der allgemeinen Ausbildung Ehrenamtlicher als auch den Handlungen der Mitarbeiter*innen des Dienstes liegt die buddhistische Philosophie zugrunde, die sich teilweise sehr von anderen Hospizdiensten unterscheidet. Auf den Punkt gebracht lässt sich diese durch die folgende kleine Geschichte veranschaulichen, die der Amithaba Hospice Service auf seiner Webpage vorstellt:

“Guten Abend, meine Freundin, was machst Du?” “Ich werfe diese Seesterne zurück in das Meer. Wenn ich es nicht tue, sterben sie hier.” “Es müssen tausende von Seesternen an diesem Strand liegen. Du kannst sie nicht alle retten, das wirst Du nicht schaffen.” Sie lächelte, hob einen weiteren Seestern auf und warf in ins Meer. “Es macht einen großen Unterschied für DIESEN einen Seestern.”



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