Vom (Pilger-) Reisen

Reisen ist weder gut noch schlecht, es ist sowohl aufregend als auch langweilig. Reisen kann erweiternd oder abstumpfend sein, bereichernd oder abstoßend. Reisen ist das ganz normale Leben. Du nimmst Dich selbst überall hin mit und erlebst das, was in Dir steckt.

Katrin Weimann

Reisen, das ist sicher nicht nur das, was man auf den Facebook-Fotos sieht und auch nicht das, was hier auf den Blog-Fotos gezeigt wird. Gezeigt wird nur das Schöne, das Sonnige, das Aufregende. Wer will denn schon Regenbilder sehen? Wer will hören, wie ätzend eine Situation war? Wen interessieren die Zeiten MIT Pause. STOPP – so ganz ohne, dass etwas passiert wäre. Und wer möchte einen Blogbeitrag von mir über ein paar Stunden schlechte Laune oder Verdauungsprobleme? All das und vieles mehr kommt ebenso auf Reisen vor.

Reisen kann horizonterweiternd sein. Reisen kann innere und äußere Veränderungsprozesse aufgrund der Umgebungsveränderung beschleunigen. Reisen kann Inspiration bewirken oder aus dem Alltag wachrütteln. Kann – muss aber nicht. Die Frage ist doch, inwieweit bin ich bereit? Bereit:

  • mich zu ändern
  • alte Muster zu hinterfragen
  • neue Perspektiven einzunehmen
  • durch herausfordernde Zeiten zu gehen
  • mit Ungewohntem umzugehen
  • Erwartungen abzulegen
  • mich dem, was da kommt, zu öffnen?

Dann ist vieles möglich. Und ich bin sehr gespannt, was nachwirkt. Wie es wird, wenn wir schon bald wieder zu Hause in Berlin sind. Inwiefern wird die Reise mit allen Begebenheiten nachhallen in dem, was sich entfalten wird?

Fakt ist aber auch: Viele Erlebnisse wirken erst im Nachhinein als Geschichte, als Lerneffekt oder als eigene Weisheit. Während des Erlebens eher herausfordernd, mit unguten Gefühlen verbunden, als nicht wert darüber zu reden, belanglos, langweilig oder im Gegenteil als sehr inspirierend, euphorisierend, wert, geteilt zu werden oder witzig. Erst später zeigt sich nach und nach die Wirkung des Erlebten oder der Begegnung. Das, was oftmals hängenbleibt, sind genau die herausfordernden und strapazierenden Situationen. Verwundert schaue ich mir das Erfahrene an und frage mich: War ich da wirklich dabei? Habe ich das gemeistert? Wie kann es sein, dass das alles so gut geklappt hat? Und woher kam die Hilfe? Wie ist es möglich, dass wir XX begegnet sind und dies und das teilen?

Die für mich schönsten und wichtigsten Erfahrungen und Begegnungen der Reise sind nicht etwa die lauten, die besonders bunten, die sonnenbeschienenen, sondern vielmehr die leisen, die ruhigen, diejenigen, die so gar nicht geeignet sind, auf Facebook oder Instagram für Popularität zu sorgen: Stillezeit am Hafen, am Meer, Regentropfen auf der Scheibe des Campers, das morgendliche Wachwerden im Camper, Meditation am Strand, Sonne und Wärme auf der Haut, Augenkontakt mit einzelnen, ein liebes Wort hier und eine wohltuende Geste dort, Gemeinsamkeiten, Sonja und ich lachend, weinend, zusammen hier und dort, soo viel teilend und uns wohltuend, machmal herausfordernd, ausruhen auf einem Fels inmitten des Gebirges, weiße Wolken, das wechselnde Farblicht des USB-Tannenbaums, Meditation und Stille am Strand, im Park oder im Wald, der Blick aus dem Wohnzimmer auf Marianne’s Veranda, Sitzen an der Hütte und in den Regenwald schauen und hören, joggend durch den Albert Park, Pflanzen riechen, anschauen, nur daliegen und fließenlassen…

Pilgern bedeutet für mich eine Reise des Innen und des Außen. Ich gehe mit Körper und Geist und gebe mich dem hin, was da kommt. Es gibt kein Ziel, das Ziel ist der Weg. Die Reise zu neuen und zum Teil bereits energetisch aufgeladenen (heiligen) Plätzen kann Neues hinein lassen oder Festgehaltenes lösen, innerlich aufräumen und erweitern. Erlebnisse und Begegnungen können diesen Prozess unterstützen. Die herausfordernste Zeit dabei: Die Vorbereitung (von den Nachwirkungen kann ich zum heutigen Tage noch nicht sprechen). An was muss gedacht werden? Haben wir alles? Was muss ich mitnehmen? Was organisieren? Wie läuft was in meiner Abwesenheit? Geld herbeischaffen, für unterwegs das eine oder andere managen, vorbereiten, anfragen. Dazu die Ängste und Sorgen, wie es wohl werden wird. Meine Erfahrung: Man schaut vorab auf den Gipfel und fragt sich, wie das jemals zu schaffen sein soll? Gleichermaßen kommen Sorgen auf, was alles passieren kann und ob man genug abgesichert ist.

Besser ist: Vertrauen in den Weg des Gehens entwickeln. Denn der Gipfel wird nie bestiegen ohne nicht vorher Schritt für Schritt den ganzen Berg in Etappen gegangen zu sein. Alles entfaltet sich nach und nach. Schönheit als auch Herausforderung kommen, das ist klar. Jedoch nie geballt. Auf jeder Stufe der Reise erscheint es machbar zu tun und zu leben, was gerade erforderlich und angemessen ist. Und mit jedem Schritt, so meine Erfahrung, kommt das Erstaunen, zu was man so fähig ist und was in einem steckt. Das kann sehr befruchtend und stärkend sein. Andere Kulturen, Menschen, Länder können sowohl inspirierend wie abschreckend sein, in jedem Fall hilfreich, das eigene Leben zu reflektieren und relativieren.

Pilgernd reisen, das ist für mich, sich immer wieder für Offenheit und Weite zu entscheiden und sich lernbereit und spielerisch zu zeigen. Mit der Bewegung des Gehens, Fahrens, Fliegens…kommt nicht nur die Körperenergie in Gang, auch die geistigen Aktivitäten verändern sich. Ich habe allerhand Neues an mir kennenlernen oder vertiefen dürfen, wie Fähigkeiten und Interessen (bspw. Tanz, Gesang, Naturliebe, Theater, das Fühlig-Seiende…) wie auch alten Müll auffinden können, z.B. emotionale Verletzungen, negative Muster, unschönes Verhalten etc. Alles gibt Raum für die innere Weiterentwicklung.

Begebenheiten, die nachhallen:

  • der Geruch von Meer vor der Haustür in Auckland, der Blick auf das Meer und das langsame und leise Ankommen und Abfahren der riesigen Kreuzfahrtschiffe
  • wenn die Ampel Grün zeigt, diagonal über eine große Kreuzung gehen und mitten auf der Kreuzung 25 Sek. stehenbleiben, bis diese wieder auf Rot schaltet. In Neuseeland gibt es kaum Ampeln, viele Kreisverkehre. Nur in Städten, wie Auckland, gibt es große Kreuzungen und Ampeln. Hier kann man bei Grün auch diagonal über die Kreuzung gehen. Die Ampel zählt die verbleibende Zeit bis zur nächsten Rotphase an.
  • im Gras oder auf der Bank in sauberen und toll gepflegten Parkanlagen mit wunderschönen Blumen und Bäumen sitzen
  • Heiligabend in einer einsamen Gegend des Tongariro NP mit wunderschöner Vulkan-Landschaft, Grün und Gletscher im Hintergrund, im Camper mit Wraps gefüllt mit Salat und Linsen und farbveränderndem USB-Tannenbaum im Hintergrund, Weihnachstlieder singen
  • Sonnenuntergang in der Bucht
  • Barfuß durchs Watt bei Ebbe
  • Die Fragen “Kann ich Euch helfen” des Mannes aus dem Camper nebenan und das freundliche Lächeln, bevor er uns erklärte, wie man die Gasflasche austauscht
  • Die Fährüberfahrten von Wellington nach Picton und 2 Wochen später zurück bei teilweise viel Wind, gutem Wellengang, Sonnenschein und Vollmond
  • das Wohlgefühl nach der Dusche (Wir hatten nicht so oft die Gelegenheit…;-))
  • der Geschmack von frischen Erdbeeren und Pfirsichen im Dezember
  • Der Satz “Das kriegen wir hin” der Lady in einer Näherei in Blenheim, wo wir nach der Fährüberfahrt zur Südinsel anhielten, da ich aus Versehen in Sonjas schöne neue Daunenjacke einen Riss hineingeritzt hatte
  • Die besonders friedvolle Atmosphäre am Freedom Camping-Platz bei Blenheim in einem kleinen, ursprünglich belassenen Naturreservat mit schwarzen Schwänen
  • Der Geruch, die Stille, die Frische, die Energie – alles wahrgenommen auf kleinen Walks durch den Regenwald hier und da mitten im Lande
  • gemütliche und sooo kreativ gestaltete Cafés und öffentliche Toiletten in kleinen Städten und Dörfern unterwegs mit freundlichen Menschen
  • Zeit und Raum für Meditation, Reflexion und Studium in und mit der Natur in Sudarshanaloka
  • die Zeit mit und bei Marianne in ihrem Haus und auf den Ausfahrten
  • Die Begegnung mit der Musik von MAJELLA, die im Schlafzimmer ihrer Eltern für ein bevorstehendes Festival probte, während wir Ihre Eltern, Sabine und Micha, mit ihrem spannenden Lebensentwurf – u.a der eigenen Brotbäckerei für das Umland – auf der Coromandel Halbinsel kennenlernen durften. Was für eine inspirierende Familie! Auch die Zwillingsschwestern Majella’s sind künstlerisch aktiv und erfolgreich. Sie gestalten Shows und Events als Akrobatinnen TWISTY TWINZ. Der Ehemann einer von Ihnen hat das tollste Tiny House gebaut, das ich je gesehen habe, den CASTLETRUCK. Ein Blick in das Video lohnt sich absolut!
  • Das Verweilen in und bei Tara Sanctuary! Ein Kraftort und eine Kapelle allen Religionen und Lebewesen gewidmet – eingebettet in traumhafte Natur auf der Coromandel
  • und und und

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2 Kommentare

  1. Hallo Ihr zwei Pilgerinnen, also ich hoffe doch inständig auf eine Fortsetzung eures tollen Reiseblogs nach der Rückkehr, denn der Prozess des Wiederankommen oder des Sich-dem-Ankommen-Widersetzens ist doch mindestens so spannend wie das Aufbrechen und in die Ferne ziehen. Der frische, hinterfragende Blick auf Alt-Vertrautes, den ihr unweigerlich mitbringen werdet… da steckt auch nochmal viel Veränderungspotential drin…

    1. Ohja, das habe ich vor, denn nun wird es erst richtig spannend! Ihr wisst ja mehr als genau, wie das so ist. 2 Jahre unterwegs sind ja unschlagbar. LIebste Grüße

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