Besuch des Coffin Club Hawkes Bay

Wie wir mitten im Leben vom Tode umfangen sind,
so müsst ihr jetzt auch ganz fest überzeugt sein,
dass wir mitten im Tode vom Leben umfangen sind.

Johannes Calvin


Bereits vor längerer Zeit war mir eine Initiative aus Neuseeland zu Ohren gekommen, in der sich regelmäßig Menschen zusammenfinden, um für sich und andere Särge in allen Facetten zu bauen. Wie um Himmelswillen kommt man auf eine solche Idee? Sind diese Menschen, die sich da treffen morbid? Haben sie Langeweile oder sind sie einfach traurige Menschen? All das könnte man annehmen, jedoch spiegelt nichts davon die Wirklichkeit wider. Im Gegenteil.

Als sich nach und nach unsere Reise durch Neuseeland entfaltete, gab es tatsächlich die Möglichkeit, an 4 Orten einen Sarg Club zu besuchen, da sich diese Initiative bereits über die letzten 4-5 Jahre auf der Nordinsel Neuseelands ausgebreitet hat. Angefangen in Rotorua (eine geothermale Gegend mit Schwefelquellen an einem großen See), haben Hawkes Bay, Katikati und Waitakere die Idee aufgegriffen und nach und nach für sich entwickelt. D.h. diese Clubs sind zwar auf einer Webpage zusammengefasst, sind jedoch unabhängig voneinander lokal aktiv. Sie stellen sich jeweils über die gemeinsame Homepage auf eigenen Unterseiten vor. Ein Blick hinein lohnt sich sehr – es sind auch viele Fotos zu sehen!

Wir hatten die Wahl, entweder in den uns bereits vorab von Freunden empfohlenen Tongariro Nationalpark zu fahren oder den Coffin Club in Hawkes Bay zu besuchen. Ein großes Dilemma, da die Fähre zum Übersetzen auf die Südinsel Neuseelands bereits gebucht war (vor und um Weihnachten ist diese so was von ausgebucht!) und wir damit zeitlich nur einen begrenzten Rahmen zur Verfügung hatten. Nach dem Wetter-Check war dann klar: Wandern im Regen im Tongariro macht KEINEN Spaß. Nun also erst recht Coffin Club – was mich seeehr brennend interessierte.

Da es WLAN für uns unterwegs zumeist nur in und an den Bibliotheken gab, die in jeder noch so kleinen Stadt und sogar in manchen Dörfern vorhanden sind, habe ich vor der Bibliothek eines kleinen Örtchen namens Te Kauwhata eine Email an Helen geschickt, der “secretary” (Vorsitzenden) des Coffin Club Hawkes Bay, ob wir 2 Tage später mal bei Ihnen vorbeischauen könnten. Prompte Antwort Helen’s: Hi Katrin, wunderbar. Klar, kommt gern Dienstag vorbei und lasst uns eine oder zwei Tassen Tee zusammen trinken. Wir freuen uns auf Euch. Liebe Grüße, Helen.

Dieses unkomplizierte und liebevolle Willkommen haben wir dann auch gleich in die Tat umgesetzt. Die Nacht zuvor im Badeort Napier am Strand auf einem Freedom Camping-Parkplatz verbracht und zuvor noch eine heiße Dusche in der “public shower” genommen. Kommentar der lustigen Lady an der Kasse nachdem wir rauskamen: “Ladiiiies, you look like new born babies!” So fühlten wir uns erfrischt, um am Folgetage im schönsten Sonnenschein die 7 km nach Hastings hinein zu fahren. Dort wies uns ein Schild zu einem Bowling Club (gibt es allerorts und ist neben Rugby und Cricket DIE Sportart), wo in einem Clubhäuschen der Coffin Club residiert. Jeden Dienstag von 9-12 und jeden 2. Samstag wird hier gewerkelt. Neben der wirklich beeindruckenden Arbeit ist die Teepause um 10:30 Uhr sowie das Plaudern zwischen Freunden wichtiger Bestandteil. Kaum angekommen, wurden wir bereits von Helen in Empfang genommen und allen vorgestellt. Es war sofort zu bemerken, mit welcher Liebe und Hingabe hier gearbeitet wird.

Vor 4,5 Jahren hat Helen den Coffin Club mitbegründet. Wie sie erzählte hatte eine Frau namens Grace Kelly in Hastings die Idee, einen solchen Club ins Leben zu rufen, nachdem sie über eine Freundin von den bereits stattfindenden Aktivitäten in Rotorua gehört hatte. Dort war der erste Coffin Club überhaupt – ebenfalls von einer Frau namens Katie Williams – im Jahre 2010 gegründet worden. Seit 2014 gibt der Club in Hastings nun seinen Mitgliedern die Gelegenheit, ihr eigenes letztes “Schlafzimmer”, wie der Coffin Club es nennt, selbst vorzubereiten und individuell zu gestalten. Ebenfalls gibt es die Möglichkeit, den Sarg durch Freunde oder Familie gestalten zu lassen. Die Mitglieder des Sarg-Clubs sind z.T. pfiffige Handwerker*innen und Künstler*innen, die sich in der Freizeit oder Rente mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten einbringen und andere unterstützen.

Jede Person, die ihren eigenen Sarg gestalten oder dies für ein Familienmitglied oder Freund*in tun möchte, wird zumindest für die Zeit bis zu Fertigstellung Mitglied des Vereins. 30 NZD (18 EUR) pro Jahr Mitgliedsgebühr werden dafür fällig. Neben dieser geringen Gebühr ist der Sarg, der hier als Teamleistung gebaut und in Eigenleistung gestaltet wird, für 500 NZD (300 EUR) erhältlich. Lt. Helen habe man eine ganze Weile gebraucht, sich in die Richtlinien und Gesetzgebung der Bestattung hineinzufinden, um die Särge gesetzeskonform herstellen zu können und die “Do’s und Dont’s” herauszufinden.

Die Bestatter*innen, die zumeist hohe Margen auf die Särge aufschlagen und darüber teilweise zum großen Geld kommen, sind – ebenso wie in Deutschland, wenn Alternativangebote aufkommen – mäßig erfreut bis verärgert. Dennoch, in der Bevölkerung wird die Initiative immer beliebter und hat mittlerweile auch in anderen Ländern für großes Interesse gesorgt. Und wie die Neuseeländer so sind, haben sie einfach mal einen tollen Film über ihr Anliegen, ihre Arbeit und die damit verbundenen “Konflikte” mit manchen Bestatter*innen gedreht. Bitte dringend reinschauen, is so guat! Die Einführung in den Film reicht schon, um eine Idee zu bekommen, wie viele Neuseeländer so “drauf” sind: “Hidden away in a small New Zealand town a group of rebellious seniors have found a unique way to prepare for death.”

Dabei geht es hier nicht nur um Spaß und darum etwas Ausgefallenes, Besonderes zu sein oder zu tun. Obgleich der Spaßfaktor sehr groß ist, ist es gleichermaßen auch die Auseinandersetzung mit Alter, Krankheit und Tod. Das Anliegen der Gründerinnen und der Mitglieder wird sowohl in der Gestaltung der Särge als auch aus Gesprächen sehr deutlich. Manche werden zu Mitgliedern, da sie sich selbst dem Tod gegenüberstehen sehen – bspw. aufgrund von einer Krankheit, die in Kürze oder absehbarer Zeit zum Tode führen wird, weil sie sich mit ihrer Sterblichkeit auseinandergesetzt haben und für einen guten Abschluss in Zukunft sorgen wollen oder weil sie sich über die Gestaltung des eigenes Sarges langsam an das Thema herantasten und mit Gleichgesinnten sprechen möchten. Andere sind im Ruhestand oder nutzen ihre Freizeit, um mit netten Menschen in angenehmer Atmosphäre zusammen zu sein und/oder ihr handwerkliches oder künstlerisches Talent einzubringen und andere damit zu unterstützen.

Die Clubmitglieder stellen außerdem Babysärge in verschiedenen Größen und individuellen Ausstattungen her, die an die Entbindungsstation des ortsansässigen Krankenhaus gespendet werden. Mit dieser Spende werden Familien mit Sternenkindern (Kinder, die vor, während oder nach der Geburt sterben) unterstützt.

Helen führte uns sogleich durch die Sarg-Manufaktur. Diese nenne ich so, weil ich schwer erstaunt war, wie professionell sich die Herstellung der Särge im Laufe der Jahre entwickelt hat. Die einzelnen Prozessschritte, die es braucht, um einen Sarg herzustellen, werden hier in der Werkstatt an verschiedenen Stationen abgebildet. Einzelne oder mehrere Frauen und Männer haben sich nach Fähigkeiten und Fertigkeiten jeweils zusammengefunden und arbeiten gemeinsam an einer Station. Es gibt einen Extraraum namens “MAN CAVE” ;-), wo mit großen Sägen lautstark die Einzelteile der Särge ausgesägt werden. Dies wird nach 3 Standardgrößen vorgenommen, die an einer Wand angemalt sind und woran man als Messlatte die eigene Größe herausfinden kann. In einer Ecke arbeiten die “Hudson Steele Assembly Technicians – and Son!”, die die Särge aus Einzelteilen zusammen kleben und schrauben. In einer anderen Ecke werden Rahmen, Schienen, Griffe (Auswahl einiger verschiedener an der Eingangstür ausgestellt) oder andere Extras angebracht. An einer weiteren Station besprüht einer der Künstler Sargteile mit besonderen Mustern, sodass diese dann z.B. wie Marmor aussehen, obwohl sie nicht aus Marmor sind. Auch dies ist in Einzelfällen ein Wunsch, der umgesetzt wird. Des Weiteren gibt es “Shorty’s Artistic Paint Shop”, wo verschiedene Mitglieder Farben und Lacke etc. vorfinden sowie Geräte und Austattung, um die Särge mit unterschiedlichsten Farben, Mustern, Emblemen o.a. zu gestalten. Der Coffin Club sagt dazu: “You are only limited by your imagination.”

Die Stimmung ist fröhlich, man witzelt und lacht miteinander. Doch auch ernsthafte Gespräche kommen nicht zu kurz. So erzählt einer der Ältesten, dass er nach wie vor an den Folgen von Behandlung und Bestrahlung einer Krebstherapie leidet und seit nunmehr 9 Monaten nicht mehr helfen kann. Er komme jedoch regelmäßig, so es ihm möglich ist, um sein Wissen an Nachfolger*innen weiterzugeben. Mit Tränen in den Augen sagt er dies und verabschiedet uns herzlich, da man sich ja nie sicher sein könne, wann der Tod einträfe. Draußen bewundern wir einen Sarg, auf den Judith gerade für ihren Mann, der an diesem Tag nicht dabei sein konnte, Embleme diverser schottischer, englischer und neuseeländischer Fussballvereine aufmalt. Ihr Mann sei Schotte und großer Fußballfan. Währenddessen habe sie ihren Sarg nach 4 Monaten gerade vor einer Woche fertigstellen können. Darauf die Silhouetten ihrer Lieblingsorte in der Welt auf blauem Hintergrund. Der Sargdeckel zeigt aufgemalte Fotorahmen in unterschiedlichen Formen, Farben und Größen, wo ihre Kinder später Familien- und andere Fotos hineinkleben können, wenn es denn soweit ist, den Sarg zu nutzen. Bis dahin stehe der Sarg im Wohnzimmer als Hingucker bzw. seien darauf Dinge platziert, die man eben so in einem Wohnzimmer aufstelle. Andere Mitglieder haben ihren Sarg auf dem Dachboden aufbewahrt oder nutzen ihn als Sofa, bis er zu vollem Einsatz kommt. Alles scheint möglich.

Pünktlich um 10:30 läutete eine Glocke lautstark die Teepause ein. Alle ca. anwesenden 20-25 Personen kamen aus allen Ecken in den Pausenraum. Dort waren bereits feierlich Teller mit den verschiedensten Kuchen sowie Scones mit Butter auf Tischen zu Ehren von Andrew drapiert, der 50 Jahre alt geworden war. Außerdem wurde natürlich der allseits beliebte schwarze Tee ausgeschenkt. Wir waren herzlich eingeladen, dabei zu sein und uns zu bedienen. Das ließen wir uns nicht zwei Mal sagen! Während munter geschmaust wurde, hieß Helen als Vorsitzende zunächst alle willkommen und erzählte die Lebens- und Sterbensgeschichte eines Mannes und seiner Familie, die ihr von dessen Mutter zugetragen und dessen Teil sie selbst geworden war. Dieser Mann war vor nicht allzu langer Zeit auf einem Schiff über Bord gespült und in eine Art Maschienerie geraten, die seinen Körper so entstellt hatte, sodass dieser nach dem Auffinden in einzenen Teilen in einem Sack an die Familie bzw. die/den Bestatter*in übergeben worden war. Die Mutter des Mannes, der noch nicht sehr alt gewesen war und Frau und Kinder hinterließ, rief den Coffin Club an, da sie schnell und kostengünstig einen Sarg benötigte, der auch noch individuell für ihren Sohn von Frau, Kindern und Angehörigen gestaltet werden konnte. Gesagt, getan. Helen fuhr den Sarg persönlich zu der Familie und alles weitere nahm seinen Lauf. Im Anschluss meldete sich die Mutter des Verstorbenen nochmals bei ihr, um ihren Dank auszudrücken für die schnelle, einfühlsame Hilfe und die Möglichkeit, ihren Sohn in einem sehr persönlichen Sarg zu bestatten.

Neben dieser Geschichte kamen uns allerhand weitere zu Ohren. Jede individuell und ein Schicksal für sich, das es lohnt, gehört zu werden. Stunden hätten wir allein über Begebenheiten und Lebens- bzw. Sterbegeschichten reden können. Interessiert hätte mich auch, noch mehr von Andrew zu erfahren, denn Andrew ist ein Maori bzw. ein Nachfahre der Maoris, also der Ureinwohner oder ersten Siedler in Neuseeland. Sein Teint ist dunkler und er trägt lange, dunkle Haare. Auffällig sind die vielen Tätowierungen über das ganze Gesicht und den Körper. Andrew hat mir sehr imponiert, da er so selbstverständlich war, so von Herzen erfreut über so vieles. Und das hat er ausgestrahlt. Als wir uns verabschiedeten, fragte er, ob er mit uns den Nasengruß (Hongi) machen dürfe, einen typischen maorischen Gruß, bei dem man sich gegenübersteht und sich die Nasen berühren. Dieser Gruß symbolisiert den ersten Lebensatem zwischen zwei sich begegnenden Menschen. Und so war es auch – Nähe und Verbindung werden geschaffen. Andrew ist für das Coffin-Team ebenfalls eine große Unterstützung, da er u.a. Wissen und Fähigkeiten der Maori-Stämme mitbringt und daher besondere Malereien und Symbole für Särge vornehmen kann.

Obwohl lt. offiziellen Zahlen nur 15% der Neuseeländer (Kiwis) Maoris sind (in mehreren Generationen) sind uns besonders in bestimmten Gegenden, wie z.B. dem Nordland oder auch in Auckland, viele Maoris mit Gesichts- und Körpertattoos begegnet. Diese Symbole werden auf Maori ” Tā moko” genannt. Sie repräsentieren die familiäre Herkunft (Stammeszugehörigkeit) und den Status der/des Träger*in. Bei den Frauen, so hörte ich und so nahm ich es auch selbst wahr, ist das traditionelle Kinntattoo “Moko kauae” wieder populär. Ursprünglich stellte dies einen Initiationsritus im Wandel vom Mädchen zur Frau dar. Eine sehr gute Zusammenfassung über die Geschichte der Maoris bzw. Neuseelands und der Entwicklung bis zum heutigen Tag ist hier zu finden.

Zum Abschluss unseres Besuches zeigte uns Helen noch das Nähzimmer. Im 2. Stock gelegen und über eine steile Holztreppe erreichbar, bietet es Platz für mehrere Nähmaschinen, Schränke verschiedener Stoffe und Bänder sowie große Tische, an denen gemeinsam gestrickt, gehäkelt, genäht und verziehrt wird. Hier werden in erster Linie von einigen Ladies, die an diesem Tag jedoch aufgrund einer Weihnachtsfeier abwesend waren, das Sargfutter, also das Innenleben des Sarges, Kissen und Decken (wenn keine eigenen verwendet werden), sowie Deckchen und Sargfutter für die Babysärge hergestellt.

Die 2 Stunden unseres Aufenthaltes verflogen im Nu. Wir waren unglaublich freundlich empfangen worden, jede/r hatte eine Geschichte zu erzählen und war interessiert von uns zu hören. Hier ist eine Gemeinschaft entstanden, die sich gegenseitig gut tut. Manche bleiben für wenige Monate, um ihren eigenen Sarg oder den einer/s Angehörigen zu gestalten, andere sind bereits Jahre dabei, obwohl sie ihren eigenen Sarg längst fertiggestellt haben. Und wer Trauer und Despression erwartet, ist völlig falsch gewickelt. Wer lachen kann, ist klar im Vorteil! Eine kundertbunte Mischung. Die meisten Mitglieder sind längst im Ruhestand, doch auch jüngere sind dabei. Und natürlich waren einige bereits in Berlin gewesen und berichteten von ihren Erlebnissen. So klein die Welt. Helen lud uns noch ein, sie um Weihnachten zu besuchen. Da wir ja auf dem Weg zur Südinsel waren, könnten wir doch einfach mal bei ihnen reinschneien. Sie wollten Weihnachten bei ihrem Sohn auf der Südinsel verbringen. Letzendlich kamen wir aus Zeitgründen nicht dazu, jedoch spricht die Geste mehr als tausend Worte.

Auch interessant

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.