Too blessed to be depressed oder wie das Kiwi-Land zur Entspannung verhilft

We are too blessed to be depressed.

Zitat auf einem großen Schild (mit den Zeitangaben des Gottesdienstes darunter) an der Straße vor einer Kirche in einem Ort im Nordland NZ

Ziemlich sicher unterstützen SEGNUNGEN oder für diejenigen, die religiös konnotierten Begriffen skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen, positive ENERGIE oder auch INSPIRATION, den Wohlfühlfaktor ungemein und wirken negativen Gefühlen, Traurigkeit und Unwohlsein entgegen. Sich gesegnet fühlen, das muss nicht zwangsläufig etwas mit Gott, Kirche oder Einkehr zu tun haben. Kann es, muss aber nicht. Sich gesegnet fühlen beruht auf einem Gefühl der Dankbarkeit, der Verbindung, der Freude oder Fülle. Sehr gesegnet fühle ich mich auf dieser ganzen Reise, die nun bereits im 6. Monat ist (aaahrgh, es geht bald heim!). Gesegnet, die Möglichkeit zu haben, diese Reise tun zu können, gesegnet, Eindrücke sammeln und Erfahrungen machen zu können. Besonders gesegnet, Zeit zu haben für ein längeres Retreat, gesegnet, an heilige Orte zu gehen und Begegnungen zu erleben, die es sonst nicht gegeben hätte.

Doch oftmals muss eine solche Erinnerung, wie das obige Zitat des kleinen Dorfes, das wir passierten, die Wahrnehmung wieder auf seine Bedeutung lenken. Das Drehen um den eigenen Alltag und das eigene Glück sind eher darauf konzentriert, dass die Dinge perfekt zu laufen haben. Die unterschwellige Anspruchs- und Erwartungshaltung, dass alles nach MEINEN Wünschen laufen muss, verdeckt die Fülle dessen, was alles bereits DA ist und für MICH (von anderen) getan wird. In diesem Sinn: Thanks for the reminder!

Gefühlt rund um die Uhr und allerorts gab es solche Erinnerungen – ob ich sie sehen wollte oder nicht. Die Kiwis als solches scheinen aus ihrer Kultur heraus eine besondere Gabe zu haben, in Menschen (oder in mir/uns!?) die Glühbirne anzuknipsen. Dies vor allem über Ansprache, Äußerungen, Hilfestellungen oder großzügige Gesten. Fast waren wir schon soweit auf einem Freedom Campingplatz am See Taupo festzustellen: Aha, es gibt sie also doch, die schlecht gelaunten und unfreundlichen Neuseeländer. Einen hätten wir ausmachen können – mussten dann aber revidieren. Die abgekürzte Geschichte geht wie folgt:

Wir parkten also an dem besagten See mit unserer Kiwi Camperin zwischen einem großen Wohnanhänger und einem anderen Camper, wie man das so tut, wenn man am späten Nachmittag an so einem schönen Ort am Strand mit wunderbarem Blick auf den Lake Taupo ankommt. Der Platz war bereits sehr gut belegt, Camper in allen Größen umgaben uns. Zur Seite des Campers hatten wir genügend Abstand gelassen, sodass wir uns nicht direkt in die Fenster sehen können, zum Wohnanhänger war reichlich Platz vorhanden. Ich koche gerade und höre dabei, dass ein Pickup neben uns Richtung Wohnanhänger einparkt. Auf einmal stößt dieser offensichtlich gegen unseren Außenspiegel. Ich gehe raus und spreche den Fahrer an, warum er dies tut und nicht einfach Bescheid sagt, dann hätte ich ja rausfahren und mich etwas dichter zu dem anderen Camper stellen können. Wir konnten ja nicht ahnen, dass es einen Pickup zu dem großen Wohnanhänger gibt, der nun mal gerade unterwegs war aber wiederkommen würde. Der Mann war offensichtlich bereits seeehr sauer angekommen und meckerte nun in seinen Bart. Sonja ging dann auch nochmal raus, sprach mit ihm und fuhr unsere Kiwi ein wenig nach links, sodass der Pickup-Mauler mehr Platz für sein Auto hatte. Für diese Aktion musste er allerdings zunächst wieder ein wenig hinausfahren. Das tat er sodann, aber seine Laune schien nun noch mehr erhitzt.

Beim Abendessen in Ruhe und runtergekommen konnte ich ihn aus unserem Fenster aus mit seinem Hund auf der Heckklappe des Pickups mit einem Bier sitzen sehen. Er sah traurig aus und einsam. Womöglich, so dachte ich bei mir, hat er Probleme und ihm geht es schlecht. Kaum gedacht, steht der Mann auf und kommt zu unserer Seiten-Schiebetür. Ich öffne verduzt. Er mit einer Flasche australischem Rotwein in der Hand: “Ich möchte mich für meine miese Stimmung vorhin entschuldigen. Es tut mir leid.” Wir bedankten uns und wünschten ihm einen schönen Abend. Wie schnell sich Situationen und Begegnungen drehen können. Und schon ist eine per se schlechte Person eine gute Person, wobei sich einfach nur mal eben ihr Verhalten mir gegenüber geändert hat. PS: Den Rotwein haben wir Marianne später mitgebracht – zusammen mit der Anekdote.

Ansonsten gab es nur erstaunlich liebevoll-freundliche Begegnungen. So mehrmals an der Kasse “Hey, woher kommt Ihr? Ich wünsche Euch eine wundervolle Zeit in Neuseeland” oder beim Freedom Camping auf einer Pferdekoppel “Kann ich Euch helfen? Klar, das zeige ich Euch….”, des Öfteren “Hi, wie war Euer Tag bisher?”. Während der Stopps an öffentlichen Toiletten kommen Menschen auf einen zu: “Woher kommt Ihr? Wohin wollt Ihr? Ach toll, schaut Euch …an. Ich habe heute Geburtstag und das ist mein Sohn, er ist zu Besuch aus … und wir fahren nach … ins Schwimmbad.” So oder ähnliche Begegungen gab es vielmals. Bus- und Taxifahrer*innen scheinen auch sehr interessiert und permanent gute Laune zu haben. Das Geheimrezept muss ich noch herausfinden. Ggf. ja siehe oben: sich gesegnet fühlen – DANKBARKEIT?! Busfahrer*innen bedanken sich zumeist bei ihren Gästen dafür, dass diese mitgefahren sind. Die meisten Gäste übrigens auch bei den Fahrer*innen. Tolle Geste! Einer der Busfahrer, der uns in Auckland mit dem Hop-on/Hop-off-Bus durch die Stadt manövrierte sprach jeden Gast bereits bei Einstieg persönlich an und erfreute sich offensichtlich sehr, uns seine Stadt (O-Ton: Die beste Stadt der Welt!) zu zeigen. Seine Freude könnte u.a. darauf zurückzuführen sein, dass er 6 Monate per Segelboot in der Welt unterwegs war und erst 7 Wochen zurück ist (Neuseeland ist DIE Segelnation mit den meisten privaten Segelbootbesitzern weltweit). Dennoch, die Freude, mit der er mit Menschen sprach und uns die Sehenwürdigkeiten vorstellte, zeugt eher von einem sehr positiven Menschen an sich. Zurück von der Tour kam er noch mit Sonja ins Gespräch und ließ sogar einige Worte deutsch hören. Er hatte wohl auch mal 12 Jahre in Dänemark gelebt und dort scheinbar deutsch gelernt. Spannend.

Am Rande sei erwähnt, dass wir DIESEN Busfahrer tatsächlich und unglaublicherweise nicht nur aber auch mit HAPE KERKELING und seinem Ehemann geteilt haben. Die 2 sassen bereits bei unserem Einstieg in den Doppeldecker oben in der Sonne. Wir setzten uns auf die Bank neben sie und da realisierte ich erst, dass es wirklich Hape war. Scheinbar auf Urlaub unterwegs in Auckland und nun mit mehr Körpermasse, Sonnenbrille und unrasiert erst auf den 2. Blick zu erkennen und vor allem aufgrund der Stimme als eindeutig auszumachen.

Sehr besonders waren auch 3 Begegnungen an Tankstellen. Bei Invercargill, der südlichsten Stadt Neuseelands (logischerweise auf der Südinsel gelegen). Just zu der Zeit, als unsere Kiwi Sprit brauchte, war ich aus verschiedenen Gründe gerade gar nicht gut drauf, besser gesagt, wütend. Wat mut, dat mut. Und daher fuhr ich die nächste Tanke an, stieg aus und als ich gerade den Sprit-Rüssel zum Laufen gebracht hatte, sprach mich ein ca. 50-Jähriger Mann von der Nachbar-Säule an. Er gab mir die Hand, fragte, woher wir kommen und wohin wir wollen. Da hatten wir gerade 2 Tage am Doubtful Sound, im Fjordland, verbracht. Wie mir die Fjorde gefallen hätten, fragte er. Und als ich erwähnte, dass sie toll seien und es in Norwegen ja auch welche gebe, erzälte er, dass er bereits seit 22 Jahren 6 Monate im Jahr in Norwegen lebe und im März wieder nach Oslo fahre. Er sei selbständig und mache dort Touristentouren mit Whale Watching für Neuseeländer 🙂 Soo lustig, dabei hat Neuseeland auch Wale und Fjorde, aber wir Menschen wollen ja immer mal woanders hin in der Welt, nicht wahr?! Da kann es fast wie Zuhause sein. Norwegen wäre klasse, aber die Fjorde in Neuseeland hätten mehr Natur drumherum, in Norwegen sei es eher rauer. Ein nettes Gespräch und er zeigte uns dann noch sein “Baby”, ein altes Triumph-Motorrad in metallic blau. Schick. Nachdem er vom Bezahlen zurückkam, gab er uns nochmal die Hand und wünschte eine tolle Zeit in Neuseeland.

Kaum war ich zum Bezahlen eingetreten, fragte der Kassierer, woher ich mein Armband hätte. Auf mein Erstaunen ob der Frage (ich wollte ja nur bezahlen), fragte er, ob ich in Indien gewesen sei, denn er komme aus Indien. So entwickelte sich ein Gespräch über Nord-Indien und die buddhistischen Orte. Er erzählte, woher seine Familie komme und dass er sie 3x besucht habe. Er selbst sei 7 Jahre in NZ und habe die Kiwi-Staatsangehörigkeit. Ich fragte, ob es schwer war für ihn, hier anzukommen aufgrund der sehr unterschiedlichen Kulturen. Er sagte, am Anfang sei es schwer gewesen – eine große Umstellung, aber er reise gern und nun könne er das endlich. Er sei bereits in NZ 13x umgezogen 😉 Für 7 Jahre finde er das nicht viel. In jedem Fall solle ich nach Kerala (Süd-Indien reisen), das sei noch schöner. Ob ich in Nepal war und wie das war….

Ich kam also für einen normalen Tankvorgang ziemlich spät zurück zu unserer Camperin, ABER: Die Laune war um 180 Grad gedreht und auch hier wieder die Erkenntnis: Begegungen und Interesse aneinenader können sehr heilsam sein.

Nach einer 88km Tour durch Weite und Busch ohne Tankstelle, erfreuten wir uns, in Haast eine Tankstelle zu erblicken, die sich wie im Wilden Westen wellblechartig aus der kargen wüstenartigen Landschaft erhob. Der junge Tankwart (ggf. auch Inder) stellte während des Bezahlvorgangs allerhand Fragen… auch solche, wie “Bist Du allein unterwegs.” “Mit Deinem Partner oder Ehemann?” “Warum trägst Du keinen Ring?” etc. Nicht unangenehm, sehr freundlich schaute mir der junge Inder in die Augen. Woher ich käme. Deutschland solle ja so schön sein, er hätte Filme gesehen 😉 La la la…ich brauchte etwas, um mich loszueisen, denn er druckte auch noch in Schneckentempo meinen Kassenbon, um mir darauf aufzumalen, welchen Betrag ich bezahlt hätte, wieviel davon Steuer sei und….eine lustige Begegnung mit offensichtlich anderweitigen Interessen, die gut nachvollziehbar sind. Wer um Himmelswillen zieht in solch karge Gegend und arbeitet an der einzigen Tankstelle weit und breit?! Wow. Ich nehme an, wenig bis keine Frauen (und Männer?!) in der Gegend oder/und viiieeeel LANGEWEILE.

Das war ein kleiner Querschnitt von Begegnungen. Wie womöglich bereits rauszulesen ist: Neuseeland ist ein Land mit unglaublich vielen Menschen aus vielen Ländern. Eine Einwanderungsgesellschaft seit 1860 mit Menschen aus Großbritannien, Irland, China, Indien,von den polynesischen Inseln (Fidschi, Tahiti, Bora Bora, Samoa etc.), Deutschland…und so weiter. Die allermeisten sind bereits hier geboren und Kiwis in weißichwievielter Generation. Das ist wirklich toll. Es werden hier so unglaublich viele Sprachen gesprochen und niemand ist verwundert, wenn jemand mit Akzent Englisch spricht – es ist ja normal, da jede/r entweder Vorfahren hat, die woanders herstammen oder selbst vor Jahren hergezogen ist. Außerdem waren viele schon in anderen Ländern, haben Verwandte dort oder irgendeinen Bezug dorthin. Europa z.B. scheint von der Entfernung so weit weg, ist es aber nicht, da die Beziehung dazu sehr nah ist. Multikulti hautnah.

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2 Kommentare

  1. Hi Katrin, nun schreibe ich dir doch noch. Bin sehr erfreut, dass ihr solch wunderschöne
    Erlebnisse habt. Es ist daraus zu ersehen, dass wenn die Menschen aus verschiedenen
    Länder kommen, viel aufgeschlossener sind. Ich danke dir für die schönen Bilder und Erzählungen.

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