Leben und Tod auf Hinduistisch – die Verbrennungsplätze am Tempel Pashupatinath

Der Tempel Pashupatinath existiert seit 400 v. Chr. und ist damit der älteste und auch größte hinduistische Tempel in Kathmandu. Er gehört seit 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die gesamte Tempelanlage wird vom heiligen Bagmati River in 2 Teile geteilt und kann über verschiedene Eingänge der Stadt betreten werden. Der Tempel ist der Hindu-Gottheit Pashupati gewidmet, der eine Inkarnation der Gottheit Shiva darstellt.

Das wichtigste hinduistische Ritual, welchem man am Pashupatinath Tempel beiwohnen kann, ist das sog. Pashupati Bagmati Aarati, das jeden Abend um 18 Uhr stattfindet.

Es ist ein Ritual der Anbetung, das von 3 Priestern geleitet wird. Unter Gebeten und Gesängen heiliger Mantras werden Öllampen und Laternen in rituellen Abläufen bewegt und als Licht dem Gott Pashupati dargebracht.

Der hinduistische Glaube besagt, dass Gottes Präsenz in der Seele eines jedes Lebewesens zugegen ist. Daher wird es als wichtig erachtet, das Gute für jeden und nicht nur für sich selbst anzustreben, weswegen die Gebete und Klänge des Aarati-Rituals dem Wohle der gesamten Menschheit gewidmet werden. Im Besonderen dem Glück jedes Wesens und dem Dank Gottes für die Güte, die durch ihn fließt.

Crazy Kathmandu, dieses bunte, chaotische Puzzlewerk wird auch auf dem Tempelgelände bei Eintritt deutlich. Zunächst wird man von allerlei Verkäufer*innen angesprochen, ob man nicht diese Statue oder jenes Armband kaufen möchte, danach oder/und dazwischen finden sich Ziegen, Kühe, Affen und Hunde, die umherlaufen oder -klettern, stehen oder irgendwo liegen und schlafen. Dazu gibt es dann die bunten Sadhus, die spazieren oder -sitzen und mit ihrer Erscheinung ein Kunstwerk an sich darstellen. Und es gibt Menschen, die Gebete singen, Darbringungen machen und niederknien und Männer, die ihre verstorbenen Verwandten auf Bahren zu einem Ghat bringen, einem ihnen zugewiesenen Platz zur heiligen Verbrennung des toten Körpers.

Die Sadhus sind heilige Männer, die in Askese leben und die ihr Leben in der Nähe hinduistischer Tempel verbringen. Zumeist tragen sie lange, unrasierte Bärte und Dreadlocks. Sie kleiden sich in orangenen Roben und weisen unzählige Metallringe in Nasen-, und Ohrenlöchern auf. Dazu tragen sie hinduistische Gebetsketten um den Hals. Im Allgemeinen haben sie weltlichen Vergnügungen entsagt. Sie leben isoliert und verbringen die meiste Zeit in Hingabe- und Meditationspraxis. Diejenigen, die nicht in Einsamkeit leben, verbringen ihre Zeit an solchen Plätzen wie Pashupatinath. Ihre rituellen Handlungen werden getragen von Akten der Selbst-Reinigung, Gebeten, dem Studium heiliger Texte, Teilnahme an religiösen Diskussionen und Gesprächen sowie Pilgerreisen. Die meisten Sadhus in Pashupatinath folgen der Gottheit Shiva. Viele bedecken ihre Körper mit der Asche von Feuerholz, desselben Holzes, mit dem auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses die Leichen verbrannt werden. Sie glauben, dass Ihnen die Asche zu innerem und äußerem Schutz verhilft, wie Hitze und Kälte, aber auch Geistern. Sadhus leben zumeist von Almosen. Viele von ihnen gehen zusätzlich weiteren Aktivitäten nach, indem sie singen, als spirituelle Mentoren agieren, Traumdeutung oder Zukunftsvoraussagen tätigen, Amulette oder Tattoos anfertigen etc. Da Pashupatinath ein Ort ist, an dem alle Touristen der Stadt mindestens ein Mal vorbeischauen, ist die Frage, welche Sadhus echte Sadhus sind, also wirklich nach der o. g. inneren Ausrichtung leben und welche nur aufgrund des Geldes als solche gekleidet sind. Einige wirken sehr penetrant in der Aufforderung Fotos von ihnen zu machen und ihnen dafür Geld zu geben.

Der Haupttempel des Geländes ist nur Hinduisten zugänglich. Er überragt das Ufer zur einen Seite des Bagmati River, an dem die Verbrennungsplätze liegen, mehrere Betonquadrate, auf denen jeweils die Verbrennung eines Körpers möglich ist, bevor der nächste an die Reihe kommt. Der Platz direkt vor dem Tempel ist nur für die Kremation der ehemaligen Königsfamilie reserviert. In der Nähe des Tempels befindet sich eine Art Hospiz, in dem gläubige Hinduisten ihre letzten Tage verbringen können.

Wenn jemand in der Familie stirbt, ist normalerweise der Ehemann, Vater oder der älteste Sohn derjenige, der die Verantwortung für die Bestattung trägt und damit im Sinne der Zeremonie der hauptsächlich Trauernde ist (chief mourner). Ist kein männlicher naher Verwandter vorhanden, ist es die Ehefrau, Mutter oder älteste Tochter. Wobei ich von unserem Guide auch hörte, dass nach und nach langsam die alten Riten aufweichen. Im Normalfall ziehen sich die Frauen jedoch in einen Raum nahe des Ghats zurück, von wo sie die Zeremonie beobachten können, und die Männer nehmen an der Zeremonie teil. Zumeist waren das 6-8 wobei sich noch 6-15 weitere im Hintergrund hielten und zuschauten.

Der chief mourner lässt sich oftmals als Zeichen der Trauer sein Haar kürzen oder vollständig abrasieren, was ein Jahr später am Todestag erneut wiederholt wird. Dies ist ein altes hinduistisches Ritual, welches ein Opfer der Schönheit aufzeigt und somit die Größe und Schwere des Verlustes bzw. der Trauer verdeutlicht. Die Farbe der Trauer in Nepal ist weiß, weswegen die Trauernden manchmal in weiß gekleidet sind. Die Männer („Bestatter“), die den Verbrennungsprozess einleiten, bewachen und am Ende die Asche in den Fluss geben und den Platz für die nächste Verbrennung herrichten, sind in jedem Fall mit einem weißen Hemd oder Shirt sowie einer weißen Hose bekleidet. Sie tragen einen kleinen und kurzen Haarzopf auf dem Scheitel an einem ansonsten rasierten Schopf.

Bevor die Kremationszeremonie beginnt, wird die verstorbene Person von den Angehörigen gewaschen und in ein weißes Leichentuch gehüllt (rot, wenn die Verstorbene eine Frau ist, deren Ehemann noch lebt). Im Anschluss wird sie von den Männern der Familie auf einer Bambusbahre zu dem zugewiesenen Platz (Ghat) am Bagmati River getragen und erfährt dort eine besondere Zeremonie „Antyesti“ (das letzte Opfer). Vom chief mourner angeleitet, wird die Leiche mit dem heiligen Wasser des Bagmati Rivers (der in den Ganges mündet) gewaschen. Dieser Prozess wird aus Respekt gegenüber der verstorbenen Person so diskret durchgeführt, dass jegliche Scham bedeckt ist. Ein paar Tropfen werden in den Mund gegeben, um sicher zu gehen, dass der Tod eingetreten ist. Die Stirn wird mit einem heiligen Zeichen aus rotem Farbpulver versehen, das als Farbe der Freude den Lösungsprozess des Geistes aus dem Körper und die Segnung einer guten, neuen Wiedergeburt unterstützen soll. Leben und Tod ganz nah: Wenige Meter neben den Waschungen der Verstorbenen im Fluss spüren Kinder knietief im Wasser mit Magneten Wertsachen nach 😉

Inzwischen haben zwei für den Verbrennungsprozess an diesem speziellen Ghat zuständige Männer („Bestatter“) bereits ein paar große Scheite Holz auf dem Betonquadrat aufgeschichtet. (Angeblich braucht es pro Person ca. 280kg Holz bis der Körper über 2-3 Stunden fast vollständig verbrannt ist.)

Darauf legen die Männer der Familie zunächst den verstorbenen Körper im Leichentuch von der Bambusbahre ab, um anschließend weitere große und kleine Scheite Holz auf dem Körper aufzuschichten sowie einen Anzünder am Hals zu platzieren. Die Männer umkreisen die/den Verstorbenen sodann mehrere Male im Uhrzeigersinn mit einem heiligen Gebet. Der chief mourner gibt ein paar Sesamsamen in den Mund der/des Verstorbenen und besprenkelt den Körper mit Ghee (butterschmalzähnliches Fett aus Büffel- und Kuhmilch hergestellt). Schließlich ergreift er die von einem „Bestatter“ vorbereitete Holzfackel und entzündet das Feuer am Hals.

Ein sehr bewegender Moment! Viele der Männer, die ich beobachtete, brachten ihre Gefühle zum Ausdruck. Sie weinten, schluchzten und brachten dennoch den Prozess, so wie seit ewigen Zeiten überliefert, zu Ende. Eigentlich sollen genau aus dem Grund der „Emotionalität“ die Frauen der Familie nicht an der Bestattungszeremonie teilhaben, um den geistigen Frieden der/des Verstorbenen im Sinne einer guten Wiedergeburt nicht zu stören.

Dies ist alte Überlieferung und scheinbar zumindest in manchen Fällen überholt, da hier ja die Männer Gefühle der Trauer deutlich zeigten; jedoch habe ich keine einzige weibliche Teilnehmerin einer solchen Zeremonie erblicken dürfen.

Nach 2-3 Stunden des Brennens verbleiben von den Frauen die Hüftknochen, von den Männern die Brustknochen. Alle Überreste werden jeweils in den Bagmati River gefegt und das Podest mit Eimern voller Wasser, die ausgeschüttet werden, für die nächste Kremation vorbereitet. Der aufgelöste Körper vereint sich wieder mit der Natur.

Die Trauernden, zumindest aber der chief mourner, sollte/n im Anschluss 10 Tage lang weiß als Kennzeichen der Trauer tragen sowie keine würzigen oder scharfen Gerichte zu sich nehmen.

 

 

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