Shechen Hospice und Hospice Nepal – Ambulante und stationäre Hospizstrukturen in Nepal

“For as long as space endures, and for as long as living beings remain, until then my I too abide, to dispel the misery of the world.” (Shantideva)

Mehr zufällig stießen wir auf diesen Ort, als wir eigentlich ein Café aufspüren wollten, das uns empfohlen worden war. Am Ende einer kleinen Gasse tauchte dann ein Gebäudekomplex über 4 Etagen auf, Shechen Clinic & Hospice, im Jahr 2000 erbaut.

Das Hospiz wurde einer bemerkenswerten tibetischen Frau gewidmet, die sich bereits vor vielen Jahren der Hilfe von Menschen in Sterben und Tod verschrieb. Khandro Lhamo (1913-2003) war eine traditionelle Ärztin und buddhistische Praktizierende.

Sie war die Ehefrau von Kyabje Dilgo Khyentse Rinpoche, einem der meistverehrten spirituellen Meister unserer Zeit. Khandro Lhamo hat stets ein besonderes Interesse gezeigt, Menschen in Not medizinische Behandlung und Pflege zugänglich zu machen. Ihr Enkel, Shechen Rabjam Rinpoche, der Abt des Shechen Klosters, widmete ihr das Hospiz.

Das Gebäude der Einrichtung liegt sehr unscheinbar in Boudhanath in Kathmandu unweit des buddhistischen Stupa, in einer besonders verarmten Gegend Kathmandus. 95%  der Leistungen werden laut Internetseite kostenlos erbracht, 64% aller Patient*innen sind Frauen und Kinder. Das Gebäude in zartem gelb gehalten verrät nur aufgrund des Schildes, dass es eine Klinik und ein Hospiz beherbergt. Der Eingang führt unter der ersten Etage hindurch, wo man direkt an die Rezeption gelangt. Dort sind verschiedene Schilder, zumeist in Hindi angeschlagen.

Die symbolträchtigen Hinweise und wenigen englischen Ausschilderungen verraten sowohl hygienische Alltagstipps als auch die Richtung zu verschiedenen Abteilungen, wie Gynäkologie oder Notfallhilfe. An einem weißen Brett sind Zettel mit Informationen und Sprechzeiten verschiedener Ärzt*innen ausgehängt. Neben der Schulmedizin werden hier ebenfalls Homöopathie und die traditionelle tibetische Medizin angewandt. Es gibt außerdem gesundheitliche Aufklärung, spezialisierte Pflege z B. bei Krebserkrankungen sowie HIV Tests und Zahnmedizin. Der Eingangsbereich wird von einem Sicherheitsmann überwacht.

Neben Tibeter*innen in traditioneller Kleidung und Mönchen aller Altersklassen, verteilen sich junge und alte Menschen auf dem großen Innenhof, der uns in seiner Mitte mit einem Stupa (Symbol Buddha’s Weisheit) auf einer runden Rasenfläche begrüßt. Er ist von 4 Seiten mit vierstöckigen Gebäuden umgeben. Zur rechten gibt es die sog. „Kliniken“, die die verschiedenen Fachbereiche beschreiben. Die Zimmertüren sind mit großen schwarzen Nummern versehen, und die Eingangstüren der Zimmer sind vom Hof aus einzusehen, da die Gänge der Etagen offen erbaut worden sind.

Das Shechen Kloster befindet sich ebenfalls auf dem Gelände, sodass kleine und große Mönche in ihrem Alltag das Gelände beleben. Sie engagieren sich auch, um Menschen in Krankheit, Sterben und Tod spirituell zu begleiten und auch Gebete und Zeremonien, die im Kloster stattfinden, werden Kranken und Sterbenden gewidmet.

Zur Linken ebenerdig sind die 4 Zimmer des Hospizes zu finden, je Zimmernummer mit einem „H“ davor markiert. Jedes Zimmer stellt 2 Betten für Menschen am Lebensende bereit, die einer hospizlichen Behandlung und Begleitung bedürfen. Die meisten Zimmertüren stehen offen und auch die Fenster geben unverhohlen den Blick auf schwerstkranke und sterbende Menschen und ihre Angehörigen frei. Das Leben auch im Sterben ist ein öffentliches und gemeinsames.

Ich treffe einen Arzt, der regelmäßig aus der Klinik zu Visiten in das Hospiz hinübergeht. Er erzählt mir freudig von diesem Ort. Jedoch nicht, ohne vorher zu erwähnen, dass sein Bruder in Bochum wohnt, er dort bereits war UND Fußballfan von Schalke 04 ist, was immer wieder zu Diskussionen führt, da sein Bruder Borussia Dortmund liebt 🙂

Die Aufenthaltsdauer in diesem Hospiz ist wohl sehr unterschiedlich. Sie kann von wenigen Stunden bis zu Jahren sein. Finanziert wird das Hospiz rein über Spenden. Einen Teil wirft die Klinik ab, alles andere wird über das Kloster oder extern eingeworben. In Nepal gibt es erst seit wenigen Jahren die Idee einer Krankenversicherung für alle, die jedoch erst in 25 von 75 Distrikten umgesetzt worden ist. Die Hospizidee in Nepal ist als organisierte ambulante und stationäre Versorgung erst seit ca. 3-4 Jahren in der Entwicklung.

Wie man auf den Fotos sehen kann, sind die Räumlichkeiten, wie Gebäude, Flure und auch der offene Raum für Pflege- und Behandlungsmaterial mit buddhistischen Bildern und Utensilien verziert, die hier die innere Ausrichtung des ärztlichen und des Pflegepersonals aufzeigen. Selbst im „Schwesternzimmer“ gibt es einen großen Altar mit Bilder, Statuen, und Darbringungen. Im Flur direkt neben der Eingangstür findet sich das Bild der Khandro Lhamo mit einem traditionellen tibetischen Schal, einem Khata, umrahmt.

Wie ich herausfinden konnte, gibt es bisher überhaupt nur 9 Dienste und Einrichtungen in ganz Nepal, die sich hospizlich bzw. palliativ nennen können, die meisten sind Palliativbetten in Krankenhäusern oder ambulante Dienste. Alle sind in den Distrikten Kathmandu, Pokhara oder Bharatpur zu finden.

Im Jahr 2017 hat Nepal eine National Strategy for Palliative Care ins Leben gerufen, die den Bedarf nach angemessener Palliative Care in allen Teilen des Landes anstrebt. Die National Association for Palliative Care (NAPCare) hat sich als nationale Vereinigung die Zuständigkeiten des Austausches (des Netzwerkens), der Aus-, Fort- und Weiterbildung, der Inklusion von Palliative Care im nationalen Gesundheitsplan und der Verfügbarkeit von Morphinen im Lande auf die Fahne geschrieben.

Ein weiteres Hospiz, das Hospice Nepal, startete ebenfalls im Jahr 2000, allerdings als Einheit mit 4 Betten in einem Krankenhaus in Kathmandu. Aufgrund der großen Nachfrage wurde nach 1,5 Jahren beschlossen, ein eigenes Gebäude für das Hospiz einzurichten. Dieses stellt nun ein 6-Bettzimmer und zwei 2-Bettzimmer zur Verfügung. Jedes Bett verfügt über eine Art zusätzliche Liege, die für Angehörige genutzt werden kann. Bäder werden gemeinschaftlich genutzt. Für die Unterkunft wird ein kleiner Betrag fällig, der aber nicht näher benannt wird.

Die Patient*innen leiden zumeist an Krebs und den dazugehörigen Symptomen, wie Schmerzen oder Atemschwierigkeiten. Priorität in der Aufnahme des Hospizes haben Patient*innen aus Krankenhäusern, die von behandelnden Ärzt*innen direkt überwiesen werden. Ob ein/e Patient*in aufgenommen wird, entscheidet das Hospiz selbst. Medikamente müssen selbst bezahlt werden. Ärzt*innen sind nicht zugegen sondern werden nach Bedarf von außen hinzugeholt. Außerdem hat das Pflegepersonal immer wieder telefonischen Kontakt mit den behandelnden Ärzt*innen.

Zwingend ist, dass rund um die Uhr jederzeit eine verantwortliche Bezugsperson, im Normalfall eine/r enge/r Verwandte/r zugegen ist und unterstützt. Daher gibt es zu jedem Bett eine Liege, die dafür genutzt werden kann. (Man stelle sich vor, man läge in Deutschland zu 6 schwerkranken und sterbenden Personen in einem Zimmer und dazu wären permanent weitere 6 Angehörige zugegen!)

Hat ein/e Patient*in keine Bezugsperson(n), die 24/7 anwesend sein kann, kann sie nicht aufgenommen werden. Dies vor dem Hintergrund, dass die schwerkranke oder sterbende Person ggf. nicht mehr entscheidungsfähig ist. Da immer wieder Entscheidungen zu Behandlung und Pflege getätigt werden müssen, muss jemand „Verantwortliches“ vor Ort sein. Des Weiteren übernehmen Angehörige auch leichte pflegerische Handlungen, Essen anreichen und sogar Essen kochen (Essen muss von Angehörigen selbst besorgt und zubereitet werden.), Körperpflege etc. sowie Beistand und Obacht. So sind sie zum einen eingebunden und können etwas tun, zum anderen schont es den Geldbeutel des Hospizes. Da es keine staatliche Unterstützung gibt und die familiären Strukturen und Verantwortlichkeiten in Nepal zumeist noch sehr eng sind, ist dies das Mittel der Wahl.

Im Allgemeinen soll die Unterstützung des Hospizes niemandem verwehrt werden, der die Hilfe benötigt. Aus diesen Gründen gibt es immer die Möglichkeit, dass Essen, Medikamente oder der Aufenthalt selbst unterstützt oder aufgrund von Spenden übernommen werden können.

Das Hospice Nepal bietet auch eine Hospice Helpline an, die telefonische Beratung oder Beratung per Email für generelle Fragen zu Hospiz- und Palliativversorgung sowie für Patient*innen und Angehörige im Besonderen. Außerdem gibt es das sog. Community Hospice Nepal (CoHoN). Wenn sich der Zustand von Patient*innen verbessert und sie wieder zu Hause von Angehörigen gepflegt werden können, kann der „community hospice service“ z. B. in Form von Medikamentengabe, Beratung o. ä. im Zuhause erfolgen. Das Motto des „ambulant vor stationär“ gilt in Nepal ebenso wie in Deutschland.

In einem Land großer Armut erbittet das Hospiz von Patient*innen eine Spende von 1000 Rupien (7,50 EUR) für max. 5 ambulante Besuche von denen, die diese Summe aufbringen können. Für sehr armen Menschen wird nach Gespräch und mit einer Erklärung die Leistung nach Möglichkeit kostenlos angeboten. Patient*innen können jederzeit wieder nach Hause, sobald sie sich besser fühlen. Dann wird um eine Transportgebühr von 300 Rupien (2,20 EUR) je Fahrt gebeten. In Notfällen sollten die Patient*innen in das Hospice Nepal zur weiteren Versorgung gebracht werden. Das Geld, welches durch die ambulante Pflege und Beratung eingenommen wird, fließt in das stationäre Hospiz. Des Weiteren werden natürlich Spenden benötigt.

 

 

 

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