Kathmandu 1: Buntes und spirituelles Leben

„Unsere Verabredung mit dem Leben findet immer im gegenwärtigen Augenblick statt. Und der Treffpunkt unserer Verabredung ist genau da, wo wir uns befinden.“ (Thich Nhat Hanh)

Zunächst hatten wir noch einen gemeinsamen, schönen Tag mit Christoph aus Bayern, der als letzter unserer Trekkingtruppe den Abendflug nach München nehmen wollte. Zu 3 machten wir den Stadtteil Thamel unsicher, eine Gegend, in der es viele Shops, Restaurants und Cafés gibt sowie Läden, in den Touristen typische Mitbringsel, wie bunte Kleidung, Abbildungen Buddhas nach traditioneller Malkunst (Thankas) oder Buddhastatuen finden können. Nachdem Sonja bereits ihre heißgeliebten Brezeln vermisst hat und ich mir sicher war, dass es bereits ein/e crazy Deutsche/r mit dem Geheimrezept der Bayern/Schwaben geschafft hat, in Nepal einen Laden zu eröffnen, staunten wir tatsächlich nicht schlecht, als uns Brezeln und sonstiges Gebäck in einem Lädchen namens „The WEIZEN Bakery“ aus dem Schaufenster anschauten. Sogleich wurden Probierstücke erworben und mit einem Kaffee später in einem gemütlichen Gartencafé verspeist. Nach langer Abstinenz waren die sogar mehr als lecker zu nennen 😉

In eine der Seitengassen irgendwo in Thamel abgebogen, kamen wir an einen schönen Platz mit einem Stupa à la Boudhanath in klein, vielen Tauben, die dort ihre Zeit verbrachten, und kleinen Cafés und einem Kloster. Eine kleine Malschule, in denen Maler*innen die traditionelle Kunst des Thankamalens erlernen können und daher auch Thankas in verschiedenen Qualitätsstufen hergestellt und verkauft werden, hatte Christoph’s Interesse geweckt. Wir verbrachten ein wenig Zeit dort und ließen uns die Bedeutung der Malereien auf verschiedenen Thankas, ihre Art der Herstellung und die unterschiedlichen Qualitätsstufen der Schüler*innen von einem freundlichen, jungen Herrn erklären, der selbst viele Jahre das Thankamalen gelernt hat. Magisch wurden wir beide von einem blauen Mandala angezogen, das dem Blick auf einen Stupa von oben gleicht und die Stufen des buddhistischen, inneren Pfades abbildet. Umrahmt von der blauen Energie der Heilung, die in alle Richtungen strahlt, ließen wir uns ein größeres und ein kleineres einwickeln. Beide gingen mit Christoph nach München, und ich freue mich dann 2019, wenn das Mandala auf ungewissem Wege zu mir finden wird.

Den Nachmittag ließen wir auf der Dachterrasse unseres Hotels ausklingen, indem wir nochmal die Erlebnisse gemeinsam besprachen, bevor uns ein Fahrer der Trekkingagentur abholte. Zunächst sollten wir in das Dondrup Guesthouse und im Anschluss Christoph zum Flughafen gebracht werden, da wir mehr als genug Zeit eingeplant hatten. Gut gedacht zwar, jedoch hatte niemand, inkl. der Fahrer, mit dem Verkehrschaos an diesem Sonntagnachmittag gerechnet! Aufgrund des Beginns des Darshain-Festes war die Stadt im Ausnahmezustand. Auf den großen Straßen ging nichts mehr vor und zurück. Markierte Fahrbahnen gibt es ohnehin nicht, sodass oftmals mehrere Autos, Motorräder und LKWs so fahren, wie ihnen beliebt, also auch mal quer ausscheren, um zu überholen. Nichts war mehr möglich. Unser Fahrer beschloss stattdessen mehr auf Seitenstraßen auszuweichen. Auch keine gute Idee. Wir standen viel und die Zeit verging. Irgendwann war klar, dass es sehr eng werden würde. Bis dahin hatte der Fahrer noch nichts gesagt und wir gehofft, dass er weiß, was er tut. Wir besprachen, dass doch besser zunächst der Flughafen angefahren werden sollte. Da meinte der Fahrer, der läge jetzt hinter uns, wir wären schon vorbei. Wir konnten nicht glauben, dass er uns nichts gesagt hatte, da er selbst hatte wissen müssen, wie knapp die Zeit nun war. Wir konnten mit unserem schweren Gepäck nicht aussteigen und wären auch nicht vorwärts gekommen, Christoph auch nicht zum Flughafen.

Erstaunlich, wie freundlich Christoph blieb und den Fahrer bat, eine Idee zur Lösung zu entwickeln, da wir die Fremden in dieser Stadt sind. Flugs stieg der Fahrer inmitten des Staus aus und sprach ein Taxi auf der anderen Straßenseite an (auch im Stau). Die Dame übernahm unseren Christoph mitsamt Gepäck und wir beteten und hofften, dass sich der Stau auflösen und Christoph seinen Flug noch erreichen möge. Tatsächlich klappte dies auch noch und uns erreichte die gute Nachricht, nachdem wir gerade unser Zimmer im Guesthouse eines Nonnenklosters bezogen hatten. Puh, was für eine Aufregung nochmal zum Ende der gemeinsamen Reise!

Unsere Verabredung mit dem Leben in Kathmandu in den 2 Wochen nach Absolvieren unseres Nepal/Tibet-Trekkings haben auf mich/uns in vielfältiger Weise gewirkt. So in folgenden Erlebnissen und Begegnungen, die mit ein paar Fakten gespickt sind.

Kathmandu ist BUNT

Ethische Vielfalt: Kathmandu weist mit 1,5 Mio Einwohnern im Stadtkern und einem Gürtel von 3 Mio Einwohnern im Kathmandu-Tal bevölkerungstechnisch eine Größe auf, die mit Berlin vergleichbar ist. In Nepal selbst leben ca. 26,5 Mio. Menschen, die mindestens 100 verschiedenen Ethnien zugeordnet werden können und damit einen sehr bunten Haufen an menschlicher Vielfalt mit sich bringen.

Religiöse Vielfalt: In Kathmandu wirkt es tatsächlich so, als gäbe es eine gelebte Toleranz und Offenheit gegenüber verschiedenen Religionen. Die meisten Bewohner*innen Nepal’s fühlen sich dem Hinduismus (mehr als 80%) oder dem Buddhismus (ca. 10%) nah, und es gibt noch einige weitere Richtungen und Praktizierende, wie Moslems, Kiratisten, Christen, Sikhs, Jains und andere. Religionen können nebeneinander bestehen und werden geschätzt, so habe ich es vielmals gehört und erlebt. Die Berichte des Auswärtigen Amtes zeigen jedoch auch in diesem Bereich große Diskriminierungen an, die für uns so nicht spürbar waren. Orte, die sowohl für Hinduisten als auch für Buddhisten heilig sind, werden von beiden gleichermaßen genutzt und sind mit Statuen und Ornamenten beider Glaubensrichtungen versehen. Ein Steinabbild eines hinduistischen Lingams und ein Stupa buddhistischer Weisheit scheinen gut nebeneinander existieren zu können und respektiert zu werden.

Farbenprächtige Kleidung: Farbenfrohe Saris und Gewänder, Hüte, Taschen, Hosen und alles, was man sich vorstellen kann, ist zu finden. Auch die Roben der vielen Nonnen und Mönche verschiedener buddhistischer Richtungen in ihren unterschiedlichen und leuchtenden Rot-, Gelb-, und Orange-Tönen tragen zur Farbenpracht bei.

Feierlichkeiten: Es soll über 50 religiöse Feste und über 130 Feiertage in Nepal geben! Allein in den 2 Wochen unseres Aufenthaltes von Mitte bis Ende Oktober fand über den gesamten Zeitraum das Fest DARSHAIN statt. Das Gute über das Böse wird gefeiert, der weiblichen Gottheit Durga gehuldigt.

Bunte Fahrzeuge: LKWs, Motorräder und Co – ebenso farbig wie die Kleidung der Menschen J

Orte und Begegnungen

Seeing Hands Clinic: Auf Empfehlung besuchten wir die Seeing Hands Clinic, eine Massagepraxis, die von einem blinden Ehepaar gemeinsam geführt wird. Hier gönnten wir uns eine tolle Rückenmassage und waren sehr zufrieden und entspannt hinterher (nach dem wochenlangen Rucksacktragen ;-))

ROKPA Guesthouse:

Eher durch „Zufall“ entdeckten wir ein wunderschön gelegenes Café nahe dem Boudhanath Stupa. Als wir die Seitenstraße der umgebenden Häuserblöcke erkundeten und eigentlich ein Café suchten, das uns jemand aus der Trekkinggruppe empfohlen hatte, landeten wir an einem großen roten Tor, und als wir es öffneten, trauten wir unseren Augen nicht – ein Garten eröffnete sich uns mit gepflegten Blumenbeeten, Rasenfläche, Tischen und Stühlen, die zum Verweilen unter Bäumen einluden. Dazu: Eine Stille, die angenehm wirkte.

All dies erst einmal nicht spektakulär, wird es aber, wenn man die Gegend von einfachen Baracken, Straßenverkauf, hohen Häusern, Menschentrubel und Gosse eben noch um sich hatte. Durch das Tor hindurch verschwand all das und Ruhe kehrte ein. Wir waren – ohne es zu wissen – im ROKPA Guesthouse mit angeschlossenem Café und hauseigener „Bäckerei“ gelandet, einem Ort, an den wir noch weitere Male zurückkehren sollten.

Der Begriff „Rokpa“ war mir vorher bereits zu Ohren gekommen, denn eine gemeinnützige Organisation mit Wurzeln in der Schweiz verbirgt sich dahinter. Mit 16 Niederlassungen in verschiedenen Ländern, ist sie mit ihren Projekten hauptsächlich Nepal, Indien und Afrika aktiv.

Als Aufgabengebiete hat ROKPA folgende:

  • Children’s Home: In Nepal versucht ROKPA Kinder von der Straße zu holen, denn die Diskriminierung und Ausgrenzung von Frauen und Kindern ist weiterverbreitet. Viele Kinder landen auf der Straße, manche schnüffeln Kleber, um weniger Hunger zu spüren.
  • Women’s Workshop: Frauen in Not werden unterstützt und ihnen wird geholfen, sich auf ein unabhängiges Leben vorzubereiten.
  • Suppenküche: Im Winter von Dezember bis Ende März kochen lokale Köche und Küchenpersonal täglich für 600 Straßenkinder und Obdachlose.
  • Ambulante medizinische Hilfe: An die Suppenküche angeschlossen ist die medizinische ambulante Hilfe, die von freiwilligen Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen geleistet wird. ROKPA übernimmt die Kosten für lebensrettende OP‘s (meistens Frauen und Kinder), die sich diese aufgrund ihrer Armut nicht leisten könnten.
  • Guesthouse: Das Gästehaus wurde vor wenigen Jahren von einem großzügigen Spender für Rokpa gekauft. Die Einnahmen garantieren die Zukunft des Children’s Home. Das Management des Guesthouse liegt in den Händen ehemaliger Straßenkinder und lokalen Angestellten. Der Profit fließt komplett in ROKPA-Projekte in Nepal.
  • Hospitality-Training: Im Guesthouse gibt es das Programm eines einjährigen Trainings in Hotelerie, das in einer Kooperation zwischen einem Colleg in Nepal und einer Hotelfachschule in Lausanne durchgeführt wird. Hier bereiten sich die Jugendlichen auf einen Job im Hotelgewerbe vor.

Kathmandu ist SPIRITUELL

Stadtteil Boudha: Nicht nur in Bouddha, dem buddhistischen Stadtteil der Stadt, indem viele buddhistischen Klöster und Plätze zu finden sind und wo wir die 2 Wochen unseres Aufenthaltes nächtigten, war eine spirituelle Atmosphäre zugegen. Auch in anderen Stadtteilen wird die Verbindung der Menschen mit etwas Religiösem spürbar. Über die gesamte Stadt verteilt finden sich Schreine, Statuen, Abbilder, Schriften und weitere Objekte der Verehrung – vornehmlich aus Hinduismus und Buddhismus.

Boudhanath: Der zumeist auf Postkarten zu findende große Stupa ist eine der größten seiner Art in der Welt mit 36m Durchmesser.

Er liegt im Stadtteil Boudha und markiert einen wichtigen Punkt auf der ehemaligen Handelsroute von Tibet durch Nepal über das Kathmandu-Tal. Bereits vor langer Zeit haben Händler auf ihrem Weg dort eine Rast eingelegt und sich zu Gebeten niedergelassen. 1979 wurde dieses Symbol der Weisheit Buddha’s erbaut, das tagtäglich von tausenden Einheimischen und Touristen Mantras rezitierend umrundet wird. Ein wahrlich erhabener Platz, auf dem ein großer Friede spürbar ist, und dass obwohl sich um den Stupa herum viele kleine Geschäfte – zumeist Kunst (Thanka-Malerei, Holzschnitzerei, Erstellung von Buddhafiguren aus verschiedenen Materialien) und auch Restaurants und touristische Geschenkartikelläden eingerichtet haben. 

Swayambhunath:

Auch der Affentempel genannt, da dort eine Menge Affen eine Heimat gefunden haben und durchaus auch mal gern unachtsamen Touristen Essen entwenden. Ein heiliger Pilgerort mit besonderer Ausstrahlung, den Lama Tsültrim Allione (US-amerikanische buddhistische Lehrerin) wie folgt erlebt hat:

“We were breathless and sweaeting as we stumbled up the last steps and practically fell upon the biggest vajra (thunderbolt scepter) that I have ever seen. Behind this Vajra was the vast, round, white dome of the stupa, like a full solid skirt, at the top of which were two giant Buddha eyes wisely looking out ove the peaceful valley which was just beginning to come alive.”

Auch interessant

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.