Trekking 6: Buddhistische Perspektiven und Himmelsbestattungen

Buddhistische Perspektiven

Tibet – ein Land des Buddhismus und alter, langjährig überlieferter Weisheit der vier tibetisch- buddhistischen Schulen: Gelug, Sakya, Nyngma und Kagyu. Viele Yogis und Yoginis, Meditationsmeister*innen, Gelehrte und Weise haben seit ca. 1.500 Jahre die buddhistischen Lehren umgesetzt, gelehrt und vielen Lebewesen mit ihrem Vorbild geholfen. Aufgrund ihrer aus der Umsetzung resultierenden Erfahrung konnten tiefe Einsichten erlangt und damit die Buddhaschaft hervorgebracht werden: die Erkenntnis des eigenen Geistes. Damit einhergehend ist die Befreiung von allem Leid sowie die Erfahrung tiefen, inneren Friedens und Glück.
Die Geschichten und Vorbilder stellen sicherlich einen der Gründe dar, weswegen Tibet des Öfteren sehr romantisiert dargestellt wird. Die Geschichte Tibets lässt tiefer blicken und zeigt beides – wundervolle Entfaltung des Buddhismus und dessen Umsetzung zur Hilfe und Freude vieler und gleichzeitig eine Geschichte von Krieg, Macht des Klerus und die Verknüpfung von Politik und Religion, die auch heute noch Thema ist.

Die Landschaft Tibets zeigt ebensolche Gegensätze auf: Die Hochebene mit wundervollem Lichtspiel, das ich so noch nie gesehen habe, mit einem Himmel so weit und groß, mit weißen Wolken, die niemals enden und in ihrem Spiel der Veränderung eine Freude und Zuversicht ausstrahlen, die ihresgleichen sucht. Die Weite des Geistes spiegelt sich dort in der unendlichen Weite des Nichts. Nichts außer Himmel, Wolken, Sand und Gestein, so nahm ich es wahr.

Für Gesteinsfreunde ein wahres Schauspiel. Verschiedenste Arten, Farben und Formen – als Sand, Kies bis hin zu erhabensten Bergen von über 8.000m Höhe manifestiert. Wetter in allen Facetten und sich in Sekundenschnelle verändernd, ebenso die Temperaturen.

Dazwischen Städte, Dörfer, wenige alte Häuser in tibetischer Tradition, viele neue und große chinesisch anmutende. Straßen groß und weit – und im Bau. All das ist den Chinesen zu verdanken, die eine moderne Infrastruktur einrichten und es damit vielen leichter machen. Einfaches Leben auf dem Lande, für uns fast als Armut zu begreifen. Viel Land, wenig Bevölkerung. Das lässt viel Raum für Zwischentöne.
In der Kailash-Region gibt es einige, wenige Klöster, die um den Manasarovar- und Raksastal-See aus Urzeiten weiterhin bestehen. Wobei „Bestehen“ meint, dass diese weiterhin existieren. Allerdings, so Roman’s Erklärung, wurden viele in den letzten 3 Jahren zumeist abgerissen und nach neuen Maßstäben wieder aufgebaut. In der Tat sehen sie sich alle sehr ähnlich. Und sie wirken ein wenig verloren in Zeit und Raum. Zumeist gibt es einen oder zwei Mönche, die dort leben.

Oftmals nach Nyngma-Tradition sogar als „Teilzeit-Mönche“, indem sie tagsüber im Kloster sind und Gläubige dort hindurch führen, Rituale abhalten, Segen aussprechen, die Spenden entgegennehmen und abends in ihre Familie in Dorf oder Stadt zurückkehren. Alles wirkt sehr verblasst – mehr als Sightseeing-Objekt als tatsächlicher Ort gelebter Spiritualität.

Ich habe es nicht anders erwartet und war aufgrund von Erzählungen, Schriften und der Beschäftigung mit tibetischer Geschichte darauf gefasst, keinen besonders inspirierenden, spirituellen Raum vorzufinden. Tatsächlich können die noch vorhandenen Klöster als geschichtsträchtige Orte verstanden werden, die von Chines*innen als auch Tibeter*innen oder anderen ausländische Besucher*innen auf ihren Reisen gern besucht werden, um über längst vergangene Zeiten zu sinnieren und etwas von dem Hauch der Mythen und Sagen in sich aufzusaugen. So gibt es eine Reihe von Plätzen, Höhlen und Klöstern, wo Hand-, Fuß- oder Kopfabdrücke von bekannten Weisen zu finden sind. Vornehmlich von Guru Rinpoche (Padmasambhava), der den Buddhismus im 7. Jahrhundert von Indien nach Tibet brachte, in der Gegend auf vielfältige Weise wirkte und auch heute noch in aller Welt für seine Weisheit und sein Wirken geschätzt wird.

Im alten Königreich Guge, in der ehemaligen Hochburg des Buddhismus sowie in Toling im roten und weißen Tempel (alte Kadampa-Tempel) und einigen anderen Orten, die uralte Stupas und Chörten beherbergen, wird die Verbindung zu den alten Lehren wieder wach. Der Anblick und die Wahrnehmung selbst zeugen von vielen Jahren religiöser Hingabe und Inspiration, die Atmosphäre wirkt, und je nach Offenheit oder Zugang der/des Besucher*in geschieht Verbindung, Erkennen, ein besonderes Gefühl – oder auch nicht. Da ging es jeder/m sicherlich unterschiedlich. Trotz des Verblassens über die Zeit, der gewollten Auslöschung des gelebten Buddhismus an diesen Orten und Plätzen, ist etwas geblieben. Eine aufgeladene Stille heiligsten Wissens, die von dem zeugt, was in uns allen ist.

In der Chang-Region um unser Camp herum lag eine imposante Kette roten Berges, die vor vielen Jahren noch von mehreren hundert Praktizierenden der alten Bön-Tradition belebt war. In Höhlen untergekommen waren sie auf verschiedenen Höhen der Berge über ein Netz von Gängen miteinander verknüpft. Beim Hinaufklettern und Begehen der Höhlen ergaben sich Bilder einer lebendigen Stimmung gelebter Gemeinschaft, die die gesamte Gegend erfüllte.

Nicht immer sind alle diese Plätze heutzutage begehbar. Es liegt einzig und allein an den chinesischen Autoritäten, was zu welchem Zeitpunkt getan werden darf. Dies ändert sich wohl zumeist von Jahr zu Jahr oder auch mal Woche zu Woche – ohne Erklärungen. So waren wir froh, viele solcher Orte betreten zu haben und trotz einer gewissen Stimmung längst vergangener Zeiten, TOTsein der Plätze, das eigene Innere mit diesem aufgeladenen Außen zu verknüpfen. Aus meiner Sicht kann ich sagen: Es hat mich trotz allen Umständen erfüllt und ich war permanent innerlich verbunden und konnte viel mitnehmen und für mich erkennen.

Während die sog. buddhistischen Orte und Plätze in Tibet selbst also eher zu weltlichen Orten geworden sind, sind es die pilgernden Tibeter*innen ganz und gar nicht. Jedenfalls kann ich von all den Begegnungen mit Menschen in dem Teil des Landes sprechen, wo wir uns einige Wochen bewegten. Diejenigen, die uns als Pilger*innen auf unserer Kora begegneten, strahlten einen unerschütterlichen Glauben und eine Freude aus, die ansteckend ist. Mit Hingabe und Vertrauen gehen sie ihren Weg und nehmen unglaubliche Bedingungen in Kauf, z. T. mehrere Monate zu Fuß pilgernd mit Niederwerfungen. Faszinierend und sehr erhaben anzusehen.

Gelebter Buddhismus in Klöstern und anderen Formen der Gemeinschaft scheint in Tibet nicht gewünscht und nur an Plätzen erlaubt zu sein, die unter besonderer Beobachtung der Regierung stehen. So kann davon ausgegangen werden, dass die wenigen Mönche (Nonnen habe ich keine einzige gesehen oder davon gehört), die noch im Land sind, sich der chinesischen Regierung verpflichtet haben. Was auch immer das bedeutet. Spürbar ist es in jedem Fall in Kontakt vor Ort im Kloster.

Währenddessen ist das spirituelle Leben in Nepal vielerorts Grundlage des weltlichen Lebens und auch DAS ist deutlich spürbar und so erfrischend wahrzunehmen. Viele Mönche und Nonnen, die über die Zeit aus Tibet geflohen sind bzw. fliehen mussten, sind nach Indien und Nepal gegangen. Viele traditionelle Klöster in Tibet wurden dort zerstört und sind in Nepal und Indien wieder aufgebaut worden. Von daher kann ich sagen, dass all das, was man fälschlicherweise aus dem Buddhismus in Tibet (heute noch) erwartet, in Nepal gefunden werden kann. Dazu mehr in den Folgeberichten über unseren Aufenthalt in Nepal, Kathmandu.

Himmelsbestattungen – Sky Burials

Wie werden denn Menschen in solchem Hochland bestattet? Diese Frage beschäftigte mich bereits vor der Reise nach Tibet. Ausgrabung der Erde und Sarg einlassen erscheint kaum möglich, zu viel und zu hartes Gestein sowie Eis bedecken den Boden. Da es kaum Bäume und Pflanzen gibt, ist auch kein Feuerholz für eine Kremation vorhanden. Tibet ist zum allergrößten Teil auch heute noch sehr ländlich, und es gibt wenige Häuser in den großen Höhen und wenn dann sehr einfache. Natürlich ist die Art der Bestattung in Tibet sehr eng mit dem Blick auf das Leben verknüpft und da zeigt sich: Leben und Tod gehören ganz eng zusammen. Während in Deutschland der Tod eher als unvermeidliches Übel eines Lebens aber keinesfalls als lebenswerter Teil gesehen wird, ist dies im ursprünglichen Tibet anders.

Der buddhistische Blick auf Sterben und Tod

Die Sichtweise, die auf dem Gesetz von Ursache und Wirkung beruht (Karma), versteht, dass unser Geist ein unendliches Kontinuum ist, das zwar mit dem Körper in Verbindung steht, jedoch nicht der Körper selbst ist. Der Geist ist demnach ein anfangsloses immaterielles Kontinuum, während der Körper als ein materielles Gefährt erscheint, das den Geist für eine Weile beherbergt. Endet die Lebensspanne eines Menschen, verlässt sein Geist den Körper. Der Körper ist tot und zerfällt, der Geist nimmt je nach reifendem Karma, das im letzten und/oder in vielen Leben zuvor angesammelt worden ist, eine neue Wiedergeburt in einem von 6 verschiedenen Existenzbereichen an. D. h. eine Wiedergeburt als Mensch ist nicht zwangsläufig – besser gesagt: sehr selten. Als Mensch haben wir – im Vergleich zu Tieren z. B. – die Möglichkeit, unser Verhalten zu reflektieren, unseren Geist zu transformieren.

Über die Lehren und Methoden des Buddhismus, die Dharma genannt werden und das Vorbild von Buddhas, Erleuchtungswesen, die diese Methoden anwenden, können wir unseren Sichtweisen und damit auch Handlungen von Körper, Rede und Geist in positive Bahnen lenken. Dies bedeutet: Alle Negativität aus unserem Geist entfernen und positive Samen setzen und zur Reife bringen, sodass wir keine Wiedergeburt in den 6 (samsarischen) Existenzbereichen und damit in einem Körper und Geist, der beständig Leiden erfährt, mehr annehmen müssen. Das ist unsere Buddhanatur, die beständig in jedem Lebewesen vorhanden ist, die schließlich den tiefsten inneren Frieden und das Glück der sog. Erleuchtung erfährt und damit allen anderen Lebewesen ebenfalls auf diesem Weg helfen kann.
Dies nur als sehr kleine und abgekürzte Hintergrundinformation, die hilft zu verstehen, dass für Buddhisten der Tod nicht erst mit dem Sterben selbst Thema wird, sondern in Meditation und im Lebensalltag in der Beschäftigung mit Unbeständigkeit in allen Dingen allgegenwärtig ist. Dies zum einen vor dem Hintergrund, dass unser Karma (Resultate vorheriger Handlungen aus früheren Leben) unsere jetzige Lebenswelt und deren Erfahrungen wiederspiegelt, und zum anderen die Handlungen dieses Lebens die Ursache für Erfahrungen des oder der nächsten Leben sein werden. Kurz gesagt: Der vorherige Tod ist Ursache dieses Lebens und dieses Leben ist Ursache des kommenden Todes, der wiederum Ursache für das nächste Leben ist…

Der Tod als solches spielt auch insofern eine Rolle, dass die Art des Sterbens bzw. der Umgang mit dem eigenen Sterbeprozess bis zum Tod einen maßgeblichen Einfluss auf die nächste Wiedergeburt hat. Daher ist es Buddhisten oftmals wichtig, dass ihr Geist während des Sterbens von einer/einem spirituellen Lehrer*in begleitet wird und über unterstützende Zeremonien und Gebete, der sog. Powa-Praxis, der Geist der sterbenden Person unterstützt wird, friedvoll zu sein und gutes Karma reifen zu lassen, um damit eine gute Wiedergeburt im Sinne der Erlangung der Erleuchtung zu bewirken. Auch sollte der Körper ruhig liegengelassen werden im Tode und im besten Falle bereits im Sterben, damit der Geist Ruhe findet und die inneren Vorgänge des auflösenden Bewusstseins, die auch eingängig in „Sinnvoll leben, freudvoll sterben“ von Geshe Kelsang Gyatso Rinpoche oder dem „Tibetischen Totenbuch“ von Sogyal Rinpoche dargelegt werden, ungestört ablaufen können.

Der Todeszeitpunkt im Buddhismus ist nicht der sog. Herztod, der in unserer Gesellschaft allgemein als solcher akzeptiert wird, geschweige denn der Gehirntod, der einem Herztod vorausgeht und sehr kontrovers diskutiert wird. Der Tod tritt dann ein, wenn der Geist den Körper verlässt. Nun fragt man sich, wann das denn sein soll und ob es da eindeutige Zeichen gibt. Jein. Überliefert ist in den buddhistischen Schriften vielerorts, dass aus den Nasenlöchern ein roter und ein weißer Tropfen herausläuft, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Dies lässt sich auch in einschlägigen Biografien und Schriften von Schüler*innen großer Yogis und Meditationsmeister*innen nachlesen.
Ich selbst habe in den Begleitungen sterbender Menschen, die ich über die Zeit begleiten durfte, die Erfahrung gemacht, dass dieser Zeitpunkt deutlich wahrnehmbar ist. Womöglich können das einige Palliativpflegekräfte, Hospizbegleiter*innen oder Bestattungskräfte bestätigen – und dafür muss man wahrlich kein Buddhist sein. Es ist eher so, dass ein deutlicher Unterschied sowohl in der Wahrnehmung des verstorbenen Körpers als auch in der Atmosphäre spürbar ist, sobald der Geist den Körper verlassen hat.

Himmelsbestattungen am Kailash

Ganz gespannt war ich zu sehen und zu erleben, wie die Bestattungen unter freiem Himmel in Tibet ablaufen. Auf der offiziellen Kora (Umrundung) gibt es ein großes Bergplateau, die Sky Burial Area der 34 Mahasiddha’s genannt, über bzw. hinter der die Südflanke des Mt. Kailash tront. Vor dem Plateau ein heiliges Areal – Darboche – von einem Flaggenmeer tibetischer Gebetsfahnen gesäumt.
Auf Nachfrage einer Zeremonie beizuwohnen äußerte der tibetische Guide, dass Sky Burials an diesem Platz wohl nicht mehr vorgenommen werden, da der Wind zugenommen habe und das Vorkommen von Geiern dort stark zurückgegangen sei. Auf der inneren Kora gibt es noch einen weiteren Bestattungsplatz, der Vajrayogini gewidmet ist. Dieser war für uns jedoch nicht zugänglich, da er nur für diejenigen bestimmt ist, die mindestens 13x die äußere Kora gelaufen sind, und mit dieser hatten wir wahrlich genug zu tun 😉
So sei gesagt, dass ich selbst an keiner solcher Bestattung teilnehmen konnte. Scheinbar wird diese in den kleinen Dörfern nur von Männern durchgeführt, die eine besondere „Einweihung“ erhalten haben, also überlieferte, buddhistische Initiationen und Rituale. Einen Eindruck kann man gut über eine kurze Doku gewinnen.

Sehr ausführlich beschreibt Colin Thubron in seinem Buch „Ein Berg in Tibet – Zu Fuß durch den Himalaya zum heiligen Berg Kailash“ (2017, S. 163-167), wie diese Bestattungsart durchgeführt wird:

Eingeführt wurde die Himmelsbestattung in der Kailash-Region im 12. Jahrhundert von den sog. Rotmützen, ordinierten Mönchen der Nyngma-, Sakya- und Kagyu-Linien des tibetischen Buddhismus. Buddha Heruka – auch „Dechog“ genannt, dessen Mandala (Universum) die Kaliash-Region ist, wacht dort auch über den Tod bzw. den Übergang des Bewusstseins. Seine Anhänger sollen bereits früher auf Verbrennungsplätzen meditiert haben (so wie wir auch heute noch auf Friedhöfen), um über die Unbeständigkeit des Lebens zu meditieren und die Wahrheit der Leerheit zu erlangen.

„Ein Land gefrorener Erde, fast baumlos, kann seine Toten kaum in sich aufnehmen, und das heilige Gesetz schreibt nur für Seuchentote und Kriminelle eine Erdbestattung vor: Sie in der Erde zu verschließen verhindert ihre Reinkarnation und lösche sie für immer aus. Die Leichen, die in Tibets Flüsse geworfen werden, sind allein die der Armen, die höchsten Lamas werden einbalsamiert, die der weniger hohen verbrannt, und ihre Asche wird in Stupas aufbewahrt.

Für den Rest der Menschen gibt es die Himmelsbestattung. […] die Mönche waschen ihn [den Leichnam] in duftendem Wasser und wickeln ihn in ein weißes Leichentuch. Ein Lama liest ihm aus dem im Westen so benannten „Tibetischen Totenbuch“ vor, wodurch die Seele einer höheren Inkarnation zugeführt wird, und ein Astrologe bestimmt die Zeit des Aufbruchs. Danach wird der Leichnam am Rückgrat aufgebrochen und in eine Fötusstellung gebracht. Manchmal wird dieses [..] überraschend kleine Bündel von einem Freund zum Ort der Himmelsbeisetzung getragen, manchmal wird es in eine Sänfte gelegt, und eine Gruppe Mönche geht ihm voran, wobei der letzte von ihnen ein Tuch hinter sich herzieht, um dem Toten den Weg zu weisen.

Wenn sich der Leichnam nähert bläst der Himmelsmeister in sein Horn, und Wachholderzweige werden entzündet, um die Geier anzulocken. Der Meister und seine rogyapa (Körperzerteiler) öffnen den Leichnam vom Rücken aus. Sie entnehmen ihm die Organe, trennen die Gliedmaßen ab und schneiden das Fleisch in kleine Stücke. Die Knochen werden mit Steinen zermahlen, und der Meister vermischt den Staub mit Yakbutter oder tsampa, gerösteter Gerste, und rollt daraus Bälle. Zuletzt wird auch der Schädel eingeschlagen und mit dem Hirn zu Bissen geformt. Eine nach der anderen werden die Kugeln jetzt auf die Plattform gestoßen, die Knochen zuerst, denn sie sind die am wenigsten appetitanregenden Happen – und die Geier kommen.

Die Vögel sind heilig. […] werden sie für Emanationen weißer dakini gehalten, der friedvollen Himmelstänzerinnen, die den Ort bewohnen. Ihr Wissen über ein kommendes Mahl ist unheimlich. […] Die Übergabe eines Körpers an sie, ist die letzte Mildtätigkeit seines Besitzers und erleichtert das Karma der Toten. Die Vögel selbst sieht man nie dabei, wie sie die Erde verschmutzen. Sie erleichtern sich am Himmel, und die Tibeter sagen, dass sie selbst im Tod immer höher hinauffliegen, bis Sonne und Wind sie auflösen.
Wie Metzgern und Schmieden hängt auch den rogyapas der Geruch des Unreinen an. Sie werden „Schwarzknochen“ genannt und in ihrer Gemeinde gemieden. Sollte einer von ihnen in deinem Haus essen, wird anschließend sein Teller weggeworfen. Ihre Töchter heiraten selten […].

Es heißt, dass die Trauer der Verwandten bei Himmelsbeisetzungen den Übertritt der Seele behindert, und so nimmt mitunter niemand an den Zeremonien teil. Stattdessen wird vorher ein Mönch an den Beisetzungsort geschickt, damit er die Geier bittet, den Körper zu trösten, wenn er zerteilt wird. Aber im Allgemeinen kommen die Trauernden: Vielleicht halten sie es für wichtig, sich dem Verschwinden zu stellen, und die Befreiung zu erleben.
Bei manchen Beisetzungen, so sagen Zuschauer, zeigen die Anwesenden keinerlei Bedauern. Sie haben die Lektion der Unbeständigkeit gelernt.“

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4 Kommentare

  1. Wow, faszinierend wie dort eine Bestattung abläuft, hätte ich mir nie so vorgestellt aber irgendwie schön, dass der Tote wieder in den Kreislauf des Lebens gelangt durch die Geier.

  2. Das ist eine sehr gelungene kleine Einführung in die buddhistische Weltsicht und Lebensweise geworden! Danke dafür! Mögen alle Wesen glücklich sein…

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