Trekking 5: Busfahrten und Behördenkrams

Behördenkrams

Grenzübergänge und Humor aus der Beamtenstube

Die 2 Grenzübergänge nach Tibet und von dort zurück nach Nepal waren jeweils sehr besonders und müssen daher hier unbedingt Erwähnung finden. Dies nicht nur vor dem Hintergrund, dass die 2 Länder sich nicht unterschiedlicher verhalten könnten, sondern weil uns die Prozesse, beteiligten Personen und das ganze Drumherum jeweils eine Menge Spaß, Erstaunen und Ungläubigkeit beschert haben. Soviel, dass wir ernsthaft in Erwägung zogen, in einer chinesischen Reality-Show gelandet zu sein. Diesen Gedanken habe ich zumindest bis heute nicht aufgegeben, und in jedem Fall ist er sehr hilfreich, die (buddhistische) Sicht von Leerheit und Erscheinung zu bewahren 🙂

Grenzübertritt Hilsa (Nepal) nach Tibet

Nach 9 Tagen trekkend unterwegs in Nepal, sollten wir schließlich die Grenze nach Tibet überqueren. Die letzten Camps hatten uns immer weiter in die Höhe und damit in steinige, bergige und felsige Gegenden gebracht, die wenig bis keine Pflanzen mehr aufwiesen. Statt bunter und vielfältiger Flora war der Blick frei für die Vielfalt der Gesteinsarten, die die unterschiedlichen Bergschichten zierten. Staubiger wurde es und der Himmel in seinem Blau hob sich mehr denn je ab von den Gesteinen und dem Sand der Erde. Kein Wunder, dass Lama Govinda eines seiner Bücher über die Pilger- und Forschungsreisen in Tibet mit dem Titel “Der Weg der Weissen Wolken” bezeichnet hat. Dies war auch mein erster Eindruck in Tibet, der sich über die gesamte Zeit hielt und sich regelrecht in mich eingebrannt hat: Der Himmel und die Wolken – ein sehr besonderes Schauspiel für mich in diesem Land.

Wir wanderten also die serpentinenenartige Straße bzw. den Sandweg getüncht in leicht rötlicher Farbe entlang und konnten in der Ferne bereits erahnen, wo es zwischen den Bergen nach Tibet hinübergehen müsste. Die Sonne brannte, kein Schatten war in Sicht. Stille umgab uns und nur unsere Schritt waren zu hören, ggf. hin und wieder ein Vogel, zumeist ein Adler oder ein Geier, der leicht wie eine Feder in der Luft lag. Zu unserer Linken eine tiefe Schlucht, das Tal, indem sich der Karnali-Fluss winzig klein aus unserer Perspektive nach Tibet entlangschlängelte. Zu unserer Rechten die aufgetürmten Berge, in die dieser Weg gefräst worden war. Zu der Freude über die unglaubliche Natur und die Stille gesellte sich immer wieder ein Staunen über von Menschenhand Erschaffenes, wie dieser Weg mitten im Nichts, der uns ermöglichen sollte, nach Tibet und zum Kailash zu gelangen.

Schließlich erreichten wir eine Anhöhe, von der wir bereits einen guten Überblick über das nepalesische Grenz-Dorf Hilsa. Da wurden dann die Handys gezückt und einige waren sehr happy, endlich wieder eine Nachricht der Lieben empfangen oder verschicken zu können. Über dem Karnali-Fluss war eine lange, schmale Hängebrücke zu erkennen, die wir noch zu überwinden hatten, bevor wir in dem kleinen Ort zum Verschnaufen und Mittagessen in einem kleinen Guesthouse rasten sollten. Nur wenige Meter des diesseitigen Ufers waren bereits ein paar Stacheldrahtzäune sichtbar, wo später eine Art Vorabcheck der nepalesischen Grenzsoldaten Richtung Tibet (China) vorgenommen werden sollte. 500m weiter war ein riesiger Palast der chinesischen Grenzkontrolle zu erkennen.

Wir rasteten eine ganze Weile in dem Guesthouse, aßen Thukpa (tibetische Gemüsesuppe mit dicken Nudeln) und warteten auf die Maultiere, die noch mit unserem Gepäck unterwegs waren. Sie sollten die Grenze nicht überqueren, sondern mit den Horsemen und den Küchenjungs zurückkehren. Da sie eine gute Arbeit gemacht hatten und es in Nepal viel mehr als bei uns üblich ist, Spenden zu geben bzw. Trinkgeld, hatten wir Geld zusammen gesammelt, was nun feierlich mit großem Dank an die versammelte Mannschaft übergeben wurde. Schließlich brachen wir in der Nachmittagshitze auf, um uns bei den 2 nepalesischen Soldaten, die mit Hocker in der Sonne saßen, mit unseren Pässen abzumelden. Lustig, wie locker das Ganze gehandhabt wurde: Einer nahm alle Pässe an sich, zählte kurz die Summe durch, ging damit in ein kleines, blaues Zelt hinter sicht und trug fein säuberlich alle unsere Vornamen, Namen, Geburtsdaten, Visum- und Passnummern in ein DIN-A4-Buch ein, das die AUSGÄNGE aus Nepal verzeichnet. Dementsprechend dauerte es, war jedoch reinste Handarbeit!

Als wir passieren durften, fuhr ein chinesischer Bus einige Meter heran. Dieser sollte nun für unseren gesamten Aufenthalt in China UNSER Bus und UNSER Fahrer werden. Dieser Fakt war uns zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt, sollte aber weitreichende Folgen für uns haben. Mehr dazu später. Der tibetische Guide Phuntsok war auch schon vor Ort und legte uns jeder/m einen traditionellen, weißen Begrüßungsschal “Khata” um und überreichte uns je eine Flasche Wasser. Sodann wurden wir von unserem Busfahrer 100m weiter zu dem zuvor bereits aus der Ferne mehr als imposant erscheinenden Gebäude, wo uns ca. 5 chinesische Soldaten in grüner Tarnuniform erwarteten. Einer von ihnen wies uns an, uns auf dem großen, betonierten Platz vor dem Haupteingang des Grenzpalastes mitsamt unseres Gepäcks in einer Reihe aufzustellen und zwar in der Abfolge unserer Nummerierungen des Gruppenvisums. Die entsprechenden Nummerierungen waren vorab in Nepal bei Grenzübertritt von den Nepalis jeweils auf unseren Pass per Aufkleber geklebt worden: Sonja war die “5” und ich  also die “6”. Somit standen wir eher im vorderen Feld. Alle 16 (inkl. Roman) nebeneinander in Reih und Glied, ohne Lächeln, versteht sich, denn wir wollten nicht unagenehm auffallen. Unsere Packtaschen des Trekkings mit der wunderbar riechenden Wäsche der letzten Woche hatten wir jeweils vor uns stehen, den Tagesrucksack auf dem Rücken.

Dann hieß es: Handys vorzeigen und die Bildergalerie jeweils öffnen. Jede/r von uns wurde der Reihe nach kontrolliert: Erst das Handy bzw. die Handy-Galerie, denn wehe jemand hat auch nur ein winziges Foto des Dalai Lama irgendwo versteckt. Nach den Handys kamen die Gepäckstücke und die Tagesrucksäcke dran und wurden durchgewühlt. Kameras mussten herausgeholt und die Fotos gezeigt werden. Schlussendlich kamen wir jedoch sehr glimpflich davon. Wir waren vorgewahnt und hatten schon so einige Geschichten gehört, dass sogar besonders ausgefeilte Technik eingesetzt wird, um Handys komplett durchzuscannen – d. h. auch alle Apps, wie Facebook, Instagram, Mailprogramme etc. Einer unserer Sherpas durfte im letzten Jahr nicht einreisen, da man auf seinem Facebook-Account ein Bild oder Link in Verbindung mit dem Dalai Lama gefunden hatte. Da gibt es kein Pardon. Es sind wohl schon ganze Gruppen aufgrund eines Bildes abgewiesen worden. Dabei muss man das Bild nicht mal selbst haben, ein Link eines Freundes in einer App reicht da völlig. Entsprechend sensibilisiert waren wir vorgegangen, manche hatten vorsorglich alle Apps vom Handy gelöscht. Natürlich sind gedruckte Bilder in jeglicher Form ebensowenig erlaubt. Die winzige Einrahmung des Dalai Lama innerhalb eines Bildes eines Meditationsraumes z. B hat wohl auch schon für Aufsehen gesorgt. Klar wird, denke ich, dass mit der Abneigung gegen den Dalai Lama nicht zu spaßen ist.

Wir waren glücklich, nach relativ kurzem Check in den Grenzpalast eingelassen zu werden. Säulen und Fußböden aus Marmor erwarteten uns, einige Büros waren einsehbar. Wenige Soldaten bzw. Personal insgesamt dort ansässig. Während uns 2 weitere Soldaten in einer weiteren Reihe anstehen ließen (außer unserer Gruppe war NIEMAND dort), nach Gruppenvisum-Nummerierung, versteht sich, saß ein anderer in einer Art Pausenraum bei Pringles und Cola und schaute hörbar lustige YouTube-Videos.

Vor uns ertönte die elektronische, DEUTSCHE Frauenstimme – nennen wir sie Sylvia – eines Apparates, auf den nun unsere Nr. 1 per schallender Anweisung die vier Finger der linken und rechten Hand zugleich legen sollte. Während ihr Pass an dem dahinterliegenden Tresen von einem jungen Soldaten elektronisch durchgescannt wurde, gab Sylvia ihr zu verstehen, dass sie nun noch beide Daumen in einem besonderen Winkel auf das Maschinchen zur Begutachtung legen sollte. Alles nicht so leicht, wie es klang, denn Sylvia war keineswegs mit unseren Anstrengungen zufrieden, sondern murrte und wiederholte sich beständig, da sie wohl die Abdrücke der dazugehörigen Person nicht in ihrem Archiv abspeichern konnte. Ein anderer Soldat half und verdeutlichte, dass ein nasses Tuch zur Säuberung der Finger benutzt werden sollte. Nach jedem genommenen Abdruck einer Nummer unserer Gruppe, konnte man per Auswahl verschiedener Smileys der Sylvia auf ihrem Display darlegen, ob man mit ihrem Service zufrieden gewesen ist.

Insgesamt einfach nur sehr skuril die ganze Situation. Nach und nach druften wir so tatsächlich unsere Schritte nach Tibet (China) zum Hinterausgang hinaus fortsetzen, wo unser chinesischer Bus mitsamt Fahrer und tibetischem Guide uns erwartete.

Straßenlage und volle Kontrolle

Über z. T. sehr fragwürdige Straßen, wohl eher Großbaustellen (aus denen der Kanaldeckel 1m über Straßenniveau ragt), durchfuhren wir Purang, eine Grenzstadt in Tibet, die den Einfluss China’s sehr deutlich machte. Überall wird gebaut: vor allem Straßen und riesige Gebäude. Und an jedem Gebäude ist die chinesische Flagge zu finden. Wir hatten ja bereits eindringliche Aufforderungen und Ermahnungen im Vorhinein von unseren Guides erhalten, keinerlei offizielle Gebäude und Personen, wie Polizei, Grenzkontrolle, Soldaten o. ä. zu fotografieren ebenso wie Sendemasten, Abhör- oder sonstige Stationen der Kontrolle, die überall – auch an den entlegensten Plätzen, präferiert auf Bergen oder Erhöhungen – errichtet sind. Fotos und Videos dieser prekären Orte und Personen würden für die Gruppe, besonders aber die Guides und Trekkingorganisationen, hohe Geldstrafen und ggf. sogar weitere Strafen bedeuten. Wir bemühten uns, diesen Bitten nachzukommen, auch wenn die Freude in diesem wundersamen Land mit den vielen Kontrasten zu sein, der Spaß in der Gruppe und unsere Trekkingaktivitäten in schönster Natur die politischen Aktivitäten bzgl. Angst und Überwachung unglaublich erschienen ließen. Tibet IST China, so wird es uns wahrgemacht und so erscheint es in vielerlei Hinsicht. Nach nunmehr fast 67 Jahren, die seit der Einwanderung und schließlich der Vereinnahmung vergangen sind, kein Wunder.

Dies wird uns in jedem Ort, auf jeder Busfahrt und auf einigen Trekkingtouren wieder vor Augen geführt. So passieren wir allein von der Grenze und dem Übertritt nach Tibet mehrere Checkpunkte, wo Phuntsok, unser tibetischer Guide, mit seinem Stapel Papieren wieder an einer Schranke aussteigen und das Gruppenvisum, Pässe und weitere Papiere vorlegen musste, um dann noch mehr Dokumente und Stempel dazu zu bekommen. Unsere Pässe haben wir von unserer Ankunft im Hotel in Kathmandu bis zum Ende der 4-wöchigen Reise (nach Ausreise aus Tibet) nicht mehr gesehen, sie wurden permanent zur Vorlage benötigt.

Immigration Office

In Purang selbst sollten wir in einem Hotel übernachten, welches speziell für Touristen ausgelegt ist. Bevor wir allerdings trotz vollem Tagesprogramm und fortgeschrittener Uhrzeit am Abend die langersehnte Dusche und das Bett einnehmen konnten, ging es über verschiedene Kieselstraßen, z. T. befestigte Straßen und die oben erwähnten Straßen im Bau zum „Immigration Office“, ebenfalls einem großen Gebäude mit Innenhof, in dem uns ein ca. 2-jähriger Junge mit Smartphone und dudelnder Popmusik empfing. Dort durften wir wieder in einer Art Kinostuhlreihung hintereinander nach Nummer des Gruppenvisums sortiert Platz nehmen und beobachteten die Vorgänge. Kameras auf uns gerichtet und der Magen knurrend vor Hunger, harrten wir der Dinge. Man ordnete unsere Trekkingteam an, das Gepäck aus dem Bus zu holen und auf einen Trolley zu laden. Dies wurde sodann von einem starr dreinblickenden Soldaten in blauer Soldaten-Uniform mit einem (Desinfektions-??) Mittel besprüht – jedenfalls roch es so. Interessanterweise wurde nur die rechte Seite jedes Gepäckstücks besprüht und nach einigen Gepäckstücken festgestellt, dass das Mittel alle war. Damit war dieser Vorgang beendet, und es wurde fortgefahren im Ablauf, indem einige Maschinen für diverse Scan- und Sicherheitsvorgänge angeworfen wurden – es piepste und leuchtete aus verschiedenen Ecken. Ein weiterer Soldat und eine Soldatin in ebensolcher Kleidung und mit resolut-unbeweglichem Gesichtsausdruck waren anwesend. Man zeigte an, uns schlangenförmig hintereinander mit unserem Handgepäck durch die Sicherheitskontrolle zu bewegen. Scheinbar wurde nichts Auffälliges gefunden, und wir durften also in China (Tibet) bleiben.

Tiere schlachten und essen

Auffällig und unvergesslich war für mich allerdings eine Begegnung bei Verlassen des Gebäudes. Der kleine Junge sprang auf dem Innenhof in der Nähe seines Vaters(?) herum, der am Geländer des Haupteingangs den Kopf einer Kuh häutete (!!!) Diesen hautnahen Kontakt mit dem Töten, Zerteilen, Ausnehmen, offenem Verkauf und Essen roher Fleischteile bin ich lange nicht mehr gewohnt. Zudem hege ich seit meiner Kindheit eine große Abneigung gegen dieses Handeln und auch das Essen von Tieren. Bei dieser und vielen ähnlichen Beobachtungen in Tibet und Nepal und der grausamen Schlachtung von tausenden von Ziegen, Wasserbüffeln etc. und ihrem Verspeisen im Rahmen des heiligen Hindufest Darshain kann man nur Mitgefühl entwickeln – mit den Tieren und den Menschen, die dies tun. Darüber hinaus ist mir mal wieder so sehr deutlich geworden, wie viel bei uns in Deutschland hinter verschlossenen Türen stattfindet: die unglaubliche Massenhaltung unter gruseligen Bedingungen, das Abschlachten von Massen und der tägliche Verzehr dieser.

Die Diskussion dessen ist wichtig und sollte an anderer Stelle stattfinden. Was ich mit der Erwähnung dieses Punkte sagen möchte ist: Die Prozeduren und Rituale in Nepal, Tibet und anderen Ländern zu verurteilen, ist nicht sinnvoll. Wir sollten bei uns selbst und in unserem Land aufrichtig schauen, was falsch läuft und etwas dagegen tun.

Checkpunkte

Weitere Checkpunkte wurden fast täglich auf unseren Fahrten passiert, ominöse Stationen, die wie Raumschiffe anmuten, wurden auf nahezu jeder Trekkingtour auch in den höchsten Bergen gesichtet. Wie sehr wir wohl beobachtet wurden? Vielleicht Paranoia, vielleicht doch real (in meiner Welt)? Selbst am wunderschönen und tiefblauen Manasarovar-See nahe des Kailash auf einer Anhöhe, wo ein altes buddhistisches Kloster (Chiu-Gompa) thront, fand ich mich überwacht. Ein dunkler vierradbetriebener Geländewagen mit getönten Scheiben fuhr immer wieder die Straßen um die Gompa ab, hielt eine ganze Zeit an einem Fleck und fuhr weiter. Dies war über Stunden zu beobachten. Jedoch versuchten wir uns mehr auf die karge, rot besteinte Höhenlandschaft mit dem wunderschönen See zu fokussieren, auf den man vom Kloster aus einen tollen Ausblick hatte.

In jeder Stadt, in der wir rasteten, mussten wir uns melden. So auch in Toling, wo wir die Nacht bei Ditila im Family Stay verbrachten. Bei unserer Ankunft übergab Phuntsok unsere Pässe, und wir konnten aus dem Gespräch ersehen, dass Ditila überhaupt nicht erfreut war, sich damit auseinandersetzen zu müssen. Dies hatten wir von Roman bereits im Vorhinein gehört: Viele Family Stays nehmen keine „Westler“ auf oder nur ungern, weil sie die gesamte Gruppe dann sogleich – normalerweise per PC-Programm – aus ihrem Haus aus bei den chinesischen Behörden anmelden müssen. Dies natürlich äußerst ausführlich unter Angabe aller Namen, Geburtsdaten, Visanummern, Passnummern etc. Nun hatte Ditila ja auch Geburtstag und sicher besseres zu tun J Was sich aber später als Herausforderung darstellte: Sie hatte nicht mal einen PC oder konnte nicht mit diesem umgehen, sodass es ihr nicht möglich war, unsere Daten zeitnah und entsprechend offiziellen Standards hinüber zu beamen. Fazit: Trotz fortgeschrittener Zeit mussten wir nach unserem Besuch der alten buddhistischen Hochburg Tsaparang um 22.00 bei der Polizei in Toling gemeinsam aufkreuzen. Hunger quälte uns, aber da mussten wir nun durch. Die Tür war sogar bereits abgeschlossen, aber ein freundlicher Herr – einem Bodybuilder gleich – schloss uns auf. Drinnen: eine nicht erfreute Polizistin (wieder in dem blauen Uniform-Zwirn) und ein anderer Polizist (lassen die sich abends einschließen?!?!). Wir durften erneut in Kinostuhlreihung Platz nehmen und ein Schauspiel beobachten: Die mittlerweile sehr unfreundlich drein schauende Polizistin und unser tibetischer Guide lieferten sich ein Wortgefecht, das fern aller Ruhe und Besonnenheit war. Schade nur, dass wir den Text nicht verstanden. Ich verfiel sogleich in Mitgefühlsmeditation mit Tara-Mantra-Rezitation und scheinbar halfen auch andere unserer Gruppe auf geistige Art (wie ich später hörte). Diese Situation hielt Roman scheinbar für äußerst günstig, uns zu erzählen, dass der chinesische Busfahrer 2 Tage zuvor aus Versehen unsere Pässe weggeworfen hätte und das nicht etwa in den Trocken- sondern in den Nassmüll. Geistesgegenwärtig hatte das Trekkingteam unsere Pässe nach Auffinden am Feuer mit WC-Papier zwischen den einzelnen Seiten einem Trocknungsversuch unterzogen, sodass einige der Pässe nun nicht mehr ganz so hübsch aussahen wie zuvor.

Das war wohl auch der letzte, mögliche Zeitpunkt für Roman, uns davon zu berichten, da wir nun einzeln und nach Zufallsprinzip nach vorn zur Polizistin an den Tresen treten mussten, hinter dem sie mit dem jeweiligen Pass in Händen stand. Sie wies jeweils an, das Geburtsdatum zu nennen sowie den kompletten Namen zu buchstabieren (auf Englisch). Wir Die Atmosphäre war zum Reißen gespannt, und wir erwarteten innerlich bereits die nächste Schikane (z. B. unseren Namen tanzen zu müssen ;-)). Glücklicherweise reichte ihr eine Stichprobe von 5 Personen, sodass wir danach endlich in einen chinesischen Imbiss zum Abendessen gehen konnten.

Reality TV-Show und Grenzübertritt nach Nepal

Spätestens seit diesem Ereignis nahm die wahnwitzige Idee mit der chinesischen Reality-Soap an Fahrt auf. Es konnte nur so sein, dass wir als Deutsche einer Challenge in China unterzogen werden. Jeden Tag werden uns immer wieder Aufgaben auf- und Steine in den Weg gelegt sowie unsere Geduld, Gelassenheit und humoristisches Verständnis geprüft. Wir sahen uns tatsächlich ausgestrahlt vor Mio. von Chinesen des Abends im TV und wir fanden, wir haben das alles ganz gut gemeistert.

Einen fulminanten Abschluss fand die ganze Soap-Opera dann bei Ausreise aus Tibet nach Nepal nahe der Stadt Kyirong. Eine Vorkontrolle und einen Checkpunkt absolvierend sauste unser chinesischer Busfahrer mit uns in unangemessenem Tempo eines Morgens die Serpentinen hinunter. Das Fahrverhalten äußerst spannend, um nicht zu sagen oftmals besorgniserregend. Dies lag an diesem Tag zumindest nicht an den Straßenverhältnissen. Womöglich hatte er es eilig uns abzuliefern, um dann zurück nach Hause zu kommen. Tatsächlich erreichten wir kurz vor 10 den Grenzübergang. Auch hier wieder ein imposantes Palastgebäude einer Grenzstation zur Abwicklung der Formalitäten. Neben uns standen weitere europäische und nicht-europäische Touristen am Eingangstor, LKWs warteten bereits in Schlangen, und wir konnten eingehend dem Staatsakt frönen, der da sogleich aufgeführt wurde. Aus den umgebenden Lautsprechern ertönte Marschmusik, etwaige Soldatinnen und Soldaten bzw. Offiziere in dunkelgrünen Uniformen z. T. mit weißen Handschuhen, Handtaschen und allerhand Abzeichen geschmückt, marschieren aufgerichtet und mit steifen Schritten aus allen Richtungen kommend in das Gebäude. DIENSTBEGINN.

Eine Drohne schwebte über uns, um das Spektakel zu filmen, ein Kameramann, offensichtlich aus den eigenen Reihen, filmte die Touristen und die Abläufe. In diesem Film mochten wir nicht Hauptdarsteller*in sein, waren es aber doch irgendwie. Zwischen Ausbrüchen des Lachens ob der Skurilität und Gefühlen von Wut spielte sich die Gefühlswelt ab. Oder sollte uns etwa doch noch als Höhepunkt vom chinesischen Staatsfernsehen ein Pokal für unser Durchhaltevermögen, unser schauspielerisches Talent und unseren Humor überreicht werden? Einige von uns bedeckten ihre Gesichter oder behielten die Sonnenbrillen auf. Selbst bei dem bereits von uns des Öfteren eingeübten Aufstellens nach Visumnummer sowie Sicherheits- und Passkontrollen wurden wir frontal gefilmt. Einige Offiziere standen weißbehandschuht in der Gegend herum. War das der Höhepunkt der Reality-Show? Wir versuchten es so zu sehen und verließen Tibet mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Hinzugefügt sei: Nach Ende der vierwöchigen Reise, nachdem die meisten unserer Gruppe bereits wieder in der Heimat weilten, bekam die gesamte Gruppe eine Rundmail von einem Teilnehmer mit Decknamen „Verrückter Professor“, der inzwischen unser Reiseunternehmen kontaktiert hatte. Er gab uns die vertraulichen Informationen weiter, dass alle Vorkommnisse von langer Hand geplant und der Leiter der Abteilung „Asien“ in die Pläne involviert gewesen seien. Nun würden die Chinesen wohl mit dem Rückbau des Bühnenbildes starten, wozu auch die imposant aufgemachten Rekonstruktionen der Grenzübergangs-Paläste gehören. Wir sind gespannt und warten auf die Nennung des Termins zur Ausstrahlung der Reality-Show! 😉

Herausfordernde und belustigende Busfahrten

Busfahrten in Tibet waren schon sehr besonders. Dies lag zum einen an den verzwickten Straßenlagen und zum anderen an unserem Busfahrer und seiner Art des Fahrens. So manches Mal sind wir über Pässe gekommen und so bspw. auf 5.000m hinauf gefahren, um dann wieder auf 3.000m hinunter zu fahren. Die Straßen dort waren zumeist gut befestigt (Roman berichtet, dass diese Strecken noch bis vor wenigen Jahren mit Jeeps auf Sandwegen zurückgelegt werden mussten! Unglaublich, es ist so schon sooo staubig gewesen!) Jedenfalls war dem Busfahrer nicht geläufig oder unangenehm, die Motorbremse neben den eigentlichen Bremsen zu nutzen und dafür herunterzuschalten. Stattdessen kuppelte er bei Abfahrten vor jeder Kurve komplett aus. Die Sorge war, dass die Bremsen aufgrund der steilen Hänge heiß laufen und ihren Dienst aufgeben könnten. Roman war das wohl schon mal mit einem Fahrer passiert. Vor- und Rückübersetzen ins Chinesische half nicht. Schließlich fuhr der chinesische Busfahrer langsamer, weil er scheinbar dachte, wir mögen nicht, wie (schnell) er fährt. Doch das war nicht der Punkt. Die Bremsen hielten zu unserem Glück.

Überholungsmanöver quittierten wir des Öfteren mit Schreien und Anweisungen (auf Deutsch!). Beim Abbiegen zu einem Camp-Platz wurde rasant gebremst und das Fahrzeug hinter uns wohl nicht gesehen. Ein anderes Mal wollte der Busfahrer trotz nahenden Gegenverkehrs einen LKW überholen. Unsere Ausrufe dürften trotz deutscher Sprache bei ihm angekommen sein. Am nächsten Tag wurde festgestellt, dass ein Reifen platt ist. Im Nachbarort konnte Abhilfe geschaffen werden. Das Piepen im Bus, das kontinuierlich zeitweise über alle Fahrten anhielt, wagten wir nicht zu hinterfragen. Die Heizung war ein eigenes Kapitel. Sie ging entweder auf volle Pulle oder gar nicht. Da wir oft morgens früh und in Kälte unterwegs waren, freuten wir uns auf etwas Wärme, besonders nach den kalten Nächten im Zelt. Man kann sich vorstellen, dass die Kommunikation über Deutsch, Englisch, Nepalesisch, Tibetisch zu Chinesisch und zurück einige Verwirrung brachte. Heizung an oder aus, an den Füßen oder nicht, hoch oder niedrig…aber wo ist es schon möglich, eine perfekte Situation zu schaffen?! Man bemüht sich und bemüht sich, aber die Herausforderungen kommen ganz von allein 😉

Eines Tages hielten wir an einer Brücke, die wir dringend passieren mussten, um die darauffolgende Straße zu unserem nächsten Übernachtungscamp zu nehmen. An der Brücke warteten wir 2h in der Ungewissheit, dass wir evtl. gar nicht passieren konnten. Die Straße war – wie viele andere – im Bau. Eine unendlich lange Straße, die den Handel von China über Nepal nach Indien irgendwann ankurbeln und abdecken soll. Unsicher war, wann und ob sie in Teilstrecken geöffnet war. Ansonsten hätten wir eine sehr lange und zeitkonsumierende Umfahrung in Kauf nehmen müssen. Glücklicherweise gab man uns das Go. Danach folgte eine stundenlange Odyssée des Busfahrens. Auch für den Fahrer muss sehr anstrengend gewesen sein.

Zunächst auf einer befestigten, schmalen Straße, wo wir dem Gegenverkehr und er uns irgendwie ausweichen musste. Teilweise schien es unmöglich, denn 2 Lastwagen kamen kaum aneinander vorbei. Zu einer Seite Abhang, zur anderen weicher, tiefer Sand oder auch mal Bachläufe mit unbestimmter Tiefe. Dann ging es von der Straße runter – leider immer wieder unausgeschildert, so dass spontan reagiert oder auch mal umgedreht werden musste. Dies auf umfahrenden Sandwegen an vielen Stücken, wo gerade die neue Straße asphaltiert worden war. Staub über Staub und Schieflagen des Busses bekamen unsere Aufmerksamkeit. In einem Gewimmel von Sandwegen und Straßenteilen ohne eine einzige Ausschilderung wussten wir nicht weiter. Eine Art Sandrampe wies den Weg vom Staubweg auf einen neuen Streckenabschnitt. Wir stiegen aus, um dem Bus weniger Gewicht zuzumuten. Trotz Vollgas blieb der Bus mit dem hinteren Teil hängen, die Karosserie war verbogen. Der Winkel stimmte auch nicht wirklich, um auf die Straße gelangen zu können. Hätte der Vorgang geklappt, wären wir wohl oben aufgesessen und nicht weiter gekommen. Somit: Glück im Unglück. Wir stiegen wieder zu, drehten um und bahnten uns einen anderen Weg.

Bei Abzweigen von Straße auf Sandweg und andersherum gab es üblicherweise immer einen großen Höhenunterschied, sodass Anspannung im Raum lag und wir über die Fahrstunden vollends mittendrin waren. Mit Schreckensausrufen, Freude, wenn es geklappt hatte und sorgenvollen Mienen in Erwartung dessen, was noch vor uns lag.

Es gab somit nicht nur allgemein, sondern erst recht bei den Fahrten immer wieder Situationen, die Geduld erforderten. Angemerkt sei auch, dass wir in der Annahme waren, dass der Busfahrer erst seit Kurzem solche Fahrten tut, nein, er absolviert diese bereits seit 40 Jahren. Das hat uns dann doch erstaunt. Schlussendlich hat alles geklappt, wir sind heil angekommen, und der Busfahrer scheint trotz der mehrmaligen Pannen und offensichtlichen Schäden am Bus zufrieden mit seinem Wirken zu sein. Er wurde von uns in Kyirong an der Grenze verabschiedet.

Auf dem Rückweg nach Grenzübertritt übernahm dann ein nepalesischer Busfahrer mit völlig anderem Bus. Dieser lag uns weitaus mehr mit seinem besonnenen Fahrstil. Der Bus war diesmal höher gelegt mit einer Art Crossreifen und Vierradantrieb. Zunächst fragten wir uns, wozu diese Ausstattung nötig war, um schnell festzustellen, dass sie DRINGEND notwendig war. Uns erwartete nämlich zurück in Nepal Crosscountry-Feeling pur. Da wünschten wir uns fast die teilweise sehr gut ausgebauten Straßen in Tibet zurück. Das Grenzgebiet in Nepal selbst lag inmitten des Langtang National Parks, eines wunderschönen und geschützten Urwald-Areals. Nur – die Straße war mehr Sandweg mit tiefen Löchern und immer am Abgrund des Berges hinab zu einem Tal. Wir kamen sehr langsam, den Löchern und dem Gegenverkehr ausweichend, im Schneckentempo voran. So konnten wir aber wenigstens das Dorfleben bestaunen – Menschen, Häuser, Felder, Pflanzen- und Tierwelt. Überhaupt findet das Leben in Nepal zumeist auf der Straße statt (in jedem Fall wenn keine Monsoon-Zeit ist ;-)) Zur Freude einiger, zum Leidwesen anderer, warf der Busfahrer aktuelle nepalesische Popmusik an, was die Schaukel- und Schüttelfahrt mit einigen Ausstiegen zwecks Wasserdurchquerung oder Gewichtsverminderung bei tiefsten Löchern, erst recht zu einer besonderen Fahrt machte.

 

Auch interessant

2 Kommentare

  1. Hallo Ihr Zwei, puuh – das liest sich alles äußerst ~sagen wir mal~ herausfordernd und lässt irgendwie keine Sehnsucht oder Fernweh bei mir aufkommen… Ihr habt es jetzt geschafft! Glückwunsch! Seid ihr dabei auf den Geschmack gekommen und wollt nun noch mehr davon…? Oder reicht´s für den Rest dieses Lebens?

    1. Geschafft, ja! Aber es war viel mehr als das. Diejenigen, die es nicht live erlebt haben, können die Freude womöglich nicht ganz nachvollziehen, die trotz allen Strapatzen dabei war. Aber nochmal muss ich nicht 🙂 Es gibt ja noch so viel zu entdecken und der Kailash und die Region ist nun in mir.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.