Trekking 3: Die Kailash-Kora sowie weitere Herausforderungen und Annehmlichkeiten des Pilgerpfades

Ein Einhorn!?

Nicht wirklich – eher eine imposante, edle weiße Stute. Sie tauchte vor uns auf und war so unbeschreiblich schön und unwirklich, dass ich sie als einzigartiges Einhorn beschreiben möchte. In einem Camp auf knapp 3.600 m angekommen ermutigte uns Roman am Nachmittag noch eine Akklimatisierungstour auf einen umgebenden Berg hinauf zu tätigen, um nochmals einige hundert Meter zu machen, sodass der Körper sich daran gewöhnt, um im Anschluss wieder abzusteigen und im Camp zu nächtigen. Gesagt, getan. Zunächst ein Geröllanstieg ohne sichtbaren Pfad ziemlich steil hinauf. Unsere Blicke müssen Bände gesprochen haben – etwa so: Das ist nicht dein Ernst, wo ist der Weg? Es wurde besser, wenn es auch steil blieb. Zunächst war der Himmel zugezogen, offenbahrte aber bei knapp über 4.000m einen wunderschönen Abendhimmel mit untergehender Sonne. Und als wir um die letzte Kurve bogen, erschien über uns mitten auf dem Hang eine weiße Stute mit wallender Mähne – wie dort drapiert für ein Foto-Casting. Das wurde es dann auch, und die Mühen waren (fast) vergessen.

Der Nyalu-la

Nach 5 Tagen wandern im nördlichsten Zipfel Nepals standen wir vor der Herausforderung, den Nyalu-La Pass auf fast 5.000m überqueren zu müssen, um in das wunderschöne Limi-Tal zu gelangen und dort weitere 4 Tage am Limi-Fluss entlang Richtung tibetischer Grenze wandern zu können.
Dies war schon eine Aufgabe, vor der wir Respekt hatten. Zum einen war da die Höhe. Bisher hatten wir uns Tag für Tag um weitere Höhenmeter auf mittlerweile ca. 3.800m gesteigert. Die Passüberquerung bedeutete etwa weitere 1.200m ad hoc – das ist eine Menge. Zwar ging es anschließend auf der anderen Seite auch wieder 800m bergab. Nur mussten wir erst einmal hinauf.

Inzwischen hatten wir bereits in den ersten Tagen auf Wunsch aller 2 Gruppen gebildet: Diejenigen, die eher schneller unterwegs sind und diejenigen, die sich mehr Zeit nehmen wollten und mussten. Die “schnelle” Gruppe wanderte am Tag des Nyalu-La (La = Pass), wie auch an manch anderen Tagen, die steilere Wegvariante. Dies war hier zunächst ein geröllartiger, steiler Anstieg, der immer wieder die serpentinenartige Schotterstraße kreuzte, die die langsamere Gruppe ging. Herausfordernd war neben dem steilen und felsigen Anstieg auch der Schnee, durch den wir und die Maultiere ab ca. 4.500m hindurch stapfen mussten. Die Atmung war sehr angestrengt durch die Höhe.

Jeder kleine Schritt wirkt, als hätte man große körperliche Arbeit verrichtet. Wichtig war immer, das eigene Tempo einzuhalten, sodass man nicht aus der Puste kam und sich Schritt für Schritt dem Gipfel nähern konnte. Und schließlich schafften wir es nach und nach alle – zwar mehr oder weniger erschöpft und angestrengt, aber erleichtert und erfreut, dass wir gemeinsam den ersten Pass erreicht hatten.

Flussdurchquerung

Im Norden Nepals hatten wir, ebenso wie später in Tibet des Öfteren kleinere Flussläufe und Bäche überqueren müssen, zunächst mit Respekt und gewisser Sorge hineinzufallen. Nach und nach mit der Erfahrung jedoch traute man sich mehr zu und sprang flinker von Stein zu Stein – trotz Rucksack 😉 Eine DURCHquerung aber hatte es in sich und zwar gleich am Tag nach der Passüberquerung! Zunächst näherten wir uns einem ausgetrockneten See, von dem jedoch noch einzelne Flußarme existierten. Roman konnte vorher nicht sagen, wie tief das Wasser dieses Jahr sein würde und wie viele Arme der See gebildet hatte, durch die wir waten sollten. Klar war nur für den entsprechenden Tag: Wir sollten Trekkingsandalen oder leichte Turnschuhe im Handgepäck haben und bereit sein, uns unserer Hosen zu entledigen, sodass wir in Unterhosen mit Tagesrucksack durch einen oder mehr eiskalte und reißende Flussarme waten konnten. Uns war doch etwas bange, was uns da erwarten sollte. Zumal auch noch das Wetter an diesem Tag eher regnerisch als warm war.

Vor Ort angelangt, waren es dann 2 Mini-Flussarme, die wir gekonnt über kleinere Steine und Felsen überqueren konnten. Nummer 3 war tatsächlich eine Art Fluss von 10m Breite, mehr als knietief, eiskalt und mit guter Strömung. Wir zogen also unsere Wanderschuhe aus und verpackten sie im Tagesrucksack, ebenso wie Hosen und anderes Equipment. Roman half, die Sherpas auch und wir uns gegenseitig, sodass wir mindestens zu 2 den Fluss durchquerten, um der Strömung standzuhalten. Die Trekkingstöcke wurden benutzt, um Halt im Wasser zu bieten. So kamen wir alle schnell und sicher am anderen Ufer an – die Freude war groß und die Erleichterung erst! Das Wasser fühlte sich auch gar nicht so kalt an, wie zuerst angenommen. Und hinterher, wie nach einer kalten Dusche, wurden die Beine wohlig warm.

Heiße Quellen

An 2 Übernachtungsplätzen gab es tatsächlich heiße Quellen, aus denen der Wasserdampf zum Teil kochend heiß hinaufstieg und von denen das Wasser heiß begehrt wurde. An einem Camp, wo wir unsere Zelte am 3,5. Regentag im Limi-Tal (wir versuchten, die Laune zu behalten, obwohl alles klamm und kühl war), erwartete uns eine Art Swimmingpool aus Beton, in den die Quelle strömte. Die Bewohner*innen der Dörfer im Umkreis sowie Nomaden und Händler auf dem Weg frequentierten diese ebenso wie wir. Einige von uns waren sehr darauf erpicht, endlich mal wieder die Haare zu waschen. Lange war allerdings kein Rankommen an das heiße Gut, da eine Frau zunächst sich selbst und ihr Haar sowie ein Yakfell ausführlich wusch, bevor ein Mann sich ebenfalls komplett wusch. Die Nepalis springen ja gern alle mit- oder nacheinander in das (gleiche) Wasser. Unsere Hygiene-Standards in diesem Jahrhundert sehen da etwas anders aus, sodass Roman flugs den großen Stein, der als Stöpsel des Swimmingpools diente, entfernte, um frisches Wasser nachlaufen zu lassen. Die Freude war groß, als dann die Haare – trotz Regens – gewaschen waren. Zusätzlich wurde von uns Frauen die Räumung des Essenszeltes für eine kurze Zeit beantragt, sodass wir uns gemeinsam dort mit Waschschüsseln heißen Wassers versorgt, blickdicht waschen konnten. Eine Wohltat, so eine Wäsche des GANZEN Körpers 😉 Einige Männer nutzen derweil den freigewordenen Pool, um sich dort zu “duschen”, bevor dann die Nepali-Crew samt Köchen und Kitchenstuff den Pool für sich einnahm (während wir das von ihnen erneut mega leckere Abenddinner verspeisen durften).

Die Quellen bei Jang währenddessen hatten es uns so richtig angetan. Das mag daran liegen, dass wir einerseits hier in Tibet prallsten Sonnenschein hatten und andererseits bereits am Nachmittag bei dem kleinen Dörfchen Jang angekommen waren und unseren tollen Camp-Platz am Fluss mit Aussicht auf alte Bön-Höhlen und ein Bön-Kloster in vollen Zügen genießen konnten. Außerdem gab es hier allerhand Quellen – wohl mehr eine heiße-Quellen-Spa-Landschaft. Einige waren zu heiß, um darin zu baden, andere bildeten kleine Badewannen in verschiedenen Größen ab, die natürlich entstanden zum Wellnessen einluden. So gab es zunächst Frauen- und dann Männer-Badetag 🙂 Jede hatte einen kleinen Pool heißen Wassers zur Verfügung, nebenan wurde dann auch noch von uns Wäsche gewaschen. Zurück im Camp die Info: Nun können die Männer baden gehen. Beutel mit Handtuch und Eco-Seife sowie evtl. saubere Klamotten unterm Arm und 5 Min. den Fluss entlang. Et voilá – Spa-Bereich mit warmem Wasser und kalter Luft, Sonnenschein und feinstem Kino: weiter Himmel mit ein paar Wölkchen und Berglandschaft.

Kailash-Kora

DER Pass der Pässe auf fast 5.700m, der uns auf dem Weg begegnen und den Höhepunkt der Reise darstellen sollte, ist der Dölma-la – der Tara-Pass – inmitten der 4-tägigen Kailash-Kora. Die Kora starteten wir in Darchen, DER Ort, indem sich alle Tibeter*innen und Touristen tummeln, um die Kora zu starten und zu beenden. Dort steht u. a. ein innerhalb eines schweizerisch-tibetischen Projektes vor Jahren erbautes Guesthouse, das m. E. nicht besonders enladend ist, wo wir jedoch die Nacht vor der Kora verbrachten. Unser Küchenteam durfte die Küche nutzen und zauberte wieder mal ein bemerkenswertes Mahl. Diejenigen, die jedoch als Ansprechpartner*innen zuständig waren, schienen nicht sehr serviceorieniert und eher lustlos. Eine Thermoskanne Wasser pro Zimmer (2-3 Personen) sollte für den Tag und die Nacht bis zum Start der Kora zum Waschen, Zähneputzen und Trinken ausreichen. Hm. Die Toiletten – und damit komme ich noch ein einziges Mal auf das Thema, da wir jetzt in Tibet sind – noch gewöhnungsbedürftiger als in Nepal. Hier gibt es einen Verschlag aus Beton und Holz ca. 2. Min. Gehzeit aus dem Guesthouse hinaus in den Hinterhof. Bereits beim Abbiegen um die erste Hausecke kann man den Weg bereits erriechen. Links Damen, rechts Herren – dafür gibt es tibetische Zeichen. Tür geöffnet, findet sich vor einem eine Balkenkonstruktion, die offensichtlich mehrere Meter in die Tiefe reicht. 4 großräumige Löcher wurden in der Konstruktion ausgelassen und die Umrundung von unten!! mit Brettern angenagelt. Nicht gerade vertrauenserweckend über einem der großen Löcher zu hocken, wohlwissend, dass der Untergrund von unten angenagelt worden ist. Es zog unglaublich windig aus den Löchern empor, sodass man besser schnell machte, um a) sich nicht den A… abzufrieren und b) weil einem schwindelig von den riesigen K….haufen werden konnte, die man unter sich sah. Obwohl wir versuchten, weniger zu trinken aus Panik, nachts raus zu müssen, klappte dies natürlich nicht. Ich würde hier mal psyhologisch zugrundelegen, dass die Angst vor dem Geschehnis dieses heraufbeschwört 😉 Rettend kam zur Hilfe, dass einer von uns tatsächlich eine “Geheimtoilette” innerhalb unseres Übernachtungsgebäudes zugetragen worden war. Diese ähnlich ausschauend – nur indoors UND kleinere Löcher ohne Zug am Hinterteil und ohne, dass man alles bereits Erledigte so deutlich sehen konnte. Ein bekannter Spaßmacher unsere Truppe würde es so ausdrücken: Keine Toilettenkultur, die Chinesen! Thema hiermit abgeschlossen.

Am nächsten Tag ging es dann im Sonnenschein los. Die Yaks waren mit Zelten, unserem Gepäck und Küchenausrücstung bestückt wurden. Wir trafen Sie in Taboche, einem mit Gebetsfahnen umsäumten Areal mit freiem Blick auf den nahgelegenen Kailash. Wir pirschten uns von der westlichen Seite des Berges an diesen heran. Imposant und kein Wunder, dass der heilige Berg Kailash bereits seit tausenden von Jahren von Hindus, Buddhisten und Bön verehert wird. Es liegt etwas in der Luft, das nicht beschrieben werden kann. Eigentlich sichtbar ist für uns die “Spitze des Eisberges” – der obere Teil des Berges, der sich bis 6.700m erstreckt. Damit ist er kein besonders hoher Berg im Himalaya – viele 8.000er sind zu finden, wie z.B. der Mount Everest. Das Land ansich – ein Hochland. Jedoch hat der Berg etwas: Noch nie ist er bestiegen worden. Selbst Reinhold Messner hat die religiöse Bedeutung des Berges respektiert und hat ihn stattdessen umrundet. Ein Berg, der nicht bestiegen wird und dessen Anblick viele verzaubert. Mein erster Eindruck: Ein heiliger Tempel – wohlgeformt und doch nicht gleich in alle Himmelsrichtungen. Die buddhistische Mythologie kennt die tiefgründige Bedeutung des Berges als Berg Meru, Zentrum des Universums mit 4 Ländern, Sonne und Mond. Die 4 Flüsse: Brahmapudra, Karnali, Sutlej und Indus entspringen in der Kailash-Region und sind nicht nur für das tibetische Hochland von zentraler Bedeutung. Als Sonne und Mond werden die 2 traumhaften Seen, die den Kailash in ihre Mitte nehmen, betitelt – der Raksastal als Mond und somit dunklere Energie – und der Manasarovar als Sonne mit heller Energie. Beide ein Wunderwerk anzuschauen und in der buddhistischen Deutung damit die Einheit von Leerheit und Erscheinung. In ihrer Mitte tront der Palast von Heruka und Vajrayogini – der Kailash.

Lama Anagarika Govinda, ein Sachse, der als buddhistischer Mönch  ordinierte und ab 1932 Forschungs- und Pilgerreisen in Tibet unternahm, findet in seinen einzigartige Beschreibungen des Berges sowie des gesamten Gebietes besondere Worte. Er verknüpft die Kailash-Region, die sich uns im Außen, also von uns mit den Sinnen wahrgenommen, als Naturschauspiel darstellt, mit unserer inneren reinen Welt eines geistigen Mandalas.

Ausschnitt seiner Worte aus dem Buch “Der Weg der Weissen Wolken”:

“Es gibt Berge, die bloß Berge sind, und es gibt solche, die Persönlichkeit aufweisen. Die Persönlichkeit eines Berges hängt nicht von dessen seltsamer Formgebung ab, die ihn von anderen Bergen unterscheidet genauso wenig wie ein wunderlich geschnittenes Gesicht oder ungewohnte Taten aus einem Individuum noch keine Persönlichkeit machen. Persönlichkeit besteht in der Kraft, andere zu beeinflussen, und diese Kraft ist der Konsequenz, Harmonie und Zielstrebigkeit des Charakters zuzuschreiben. Ein Mensch, der diese Eigenschaften in höchster Perfektion in sich vereint, wird zum geeigneten Führer der Menschheit, mag er Herrscher, Denker oder Heiliger sein, und wir würdigen ihn als ein Gefäß überirdischer Kraft. Falls diese Eigenschaften einem Berg innewohnen, wird er für uns zu einem Gefäß kosmischer Kraft, und wir bezeichnen ihn als heiligen Berg. Die Kraft eines solchen Berges ist so groß und doch so subtil, dass sich Pilger von nah und fern unwiderstehlich von ihm angezogen fühlen, wie von der Macht des unsichtbaren Magneten; und in ihrem unerklärlichen Drang, sich diesem heiligen Ort zu nähern und ihn zu würdigen, erdulden sie unsagbare Mühsal und Entbehrung. Niemand hat einem solchen Berg den Titel der Heiligkeit verliehen; der Berg wird Kraft seiner eigenen magnetischen und psychischen Ausstrahlung intuitiv als geheiligt anerkannt.”

Vor Taboche zog bereits Schnee auf und es wurde kalt, bei Taboche kam dann die Sonne wieder heraus, so konnte sich das Wetter minütlich und extrem ändern. Den ersten Tag der Kora verbrachten wir also entlang der Westseite des Kailash durch ein karges Tal an einem kleinen Flusslauf entlang. Es war sehr eben zu laufen. Beständig war der Blick auf den Kailash vorhanden – mal nebelig zugezogen, mal in voller Pracht im Sonnenschein. 3 von uns stiegen noch zu einer Gompa hinauf, die von allerhand Tibeter*innen, die ebenfalls die Kora liefen, besucht war. Alle versammelten sich in der Umrundung des Tempels, teilweise mit Malas (Gebetsketten) Mantras rezitierend, teilweise auch eine Gebetsmühle drehend. Ich wurde als “Amerikani” eingestuft und angelächelt. Auch ein Polizist war dort oben anwesend – Überwachung und Kontrolle ist ein großes Thema – das aber in einem Extrapunkt.

Zum Mittag gab es – wie häufiger – Reis mit Gemüse, bereits morgens schon von unserem Küchenteam zubereitet. Und das in der Natur. Irgendjemand schleppte den Topf und Schalen für uns, sodass wir einfach unterwegs mitten im Nirgendwo anhalten und essen konnten. Ein Fest! Am späten Nachmittag schlugen wir unser Camp auf – erschöpft ob der Höhe und der Tage, die schon gelaufen worden waren. Wir halfen beim Zeltaufbau und genossen den Rest Nachmittagssonne, bevor es dann in der Dämmerung gegen 19h dunkel und ziemlich kalt wurde. In Tibet war die Daunenjacke nicht mehr wegzudenken. Die Tage waren teilweise viel kälter, als von unserem Guide erwartet (ja, auch hier ist der Klimawandel stark spürbar) und die Nächte erst recht. -8 bis -14 war dann auf der Kora nachts Standard. Kein Zuckerschlecken und manches Mal ein Krampf. Kalte Füße und kaltes Zelt mit eisig-flimmerndem Kondenswasser morgens im Zelt. Kalt ins Bett, kalt aufstehen. Da sah ich mich doch mindestens 1x in meiner Badewanne bei 40 Grad und fragte mich, warum ich mir das antue. Der Gedanke war aber schnell verflogen, der morgendliche Tee, die Natur, der Spirit, vieles Schöne war stärker präsent, wenn auch nach 4 Tagen Kora NIEMAND mehr Lust hatte in der Kälte zu sein. UND ein richtiges WC und eine heiße Dusche lockten natürlich.

Am 2. Tag beim Frühstück eröffnete Roman uns, dass er gern umplanen wollte. Und zwar wollte er den Dölma-la, also den Höhenpass von der Süd- zur Nordseite des Kailash auf 5.700m bereits am heutigen Tage überqueren und nicht wie geplant eine kleine Tour gehen, Camp aufschlagen und am 3. Tag den Pass nehmen. Das erstaunte und überforderte, sorgte aber auch für Freude. Jede/r reagierte und vearbeitete unterschiedlich. Kräftemäßig waren einige am Limit, Kältemässig auch, andere noch locker dabei. Wir ließen die Nachricht setzen und besprachen die Vorteile. Fakt war: Das Wetter war sehr instabil. Es gab bereits Schnee in den Höhen und es hätte gut sein können, dass in kurzer Zeit der Pass verschneit wäre. Das eine waren wir, die durch den Schnee müssten – womöglich kein Problem hätten, da es nicht viel schneien würde, dennoch anstrengend ob der Kälte und der Sicht. Das andere waren die Yaks, die eh schon schwer zu bändigen sind und eher nicht “automatisch” ordentlich hintereinander her in einer Reihe laufen. Den Pass im Schnee hochzugehen, das wäre ein großes Risiko, da sie vom Weg abweichen (der auch nicht gut oder gar nicht zu erkennen wäre) und sich dann die Beine brechen könnten. Das wiederum wäre fatal für uns alle gewesen. Somit war klar: Die beste Entscheidung war gleich zu gehen, da das Wetter (noch) gut und eine klare Sicht vorhanden war. Soweit so gut.

Zunächst ging es durch ein wunderschönes Tal am Fluss entlang, auf der anderen Flusseite die Aussicht auf ein großes Kloster, dann ein leichter Aufstieg, ein etwas steilerer Aufstieg. Mittagessen am Weg sitzend mit Blick auf den Kailash, dann steil bergauf auf den Shiva-Tsal, den Weg der “Reinigung” an der Westseite des Kailash entlang. Dort lassen viele Pilger alte Kleidungsstücke zurück als äußeren Zeichens eines inneren Loslassen von etwas Sie Belastendes. Viele Pilger*innen begegneten uns auf der gesamten Kora. So einige auch in traditioneller Art und Weise, indem sie die gesammte Kora von 54km, die man normalerweise in 2-3 Tagen je nach Tempo und Wohlfühlfaktor pilgert, mit Niederwerfungen absolvierten. Um die Hände etwas vor den Strapatzen zu schützen, haben einige Handschuhe, Badelatschen oder andere Schuhe. Sie verbeugen sich in buddhistischer Weise, indem sie die Hände zusammenlegen und zunächst zum Scheitel, dann zur Stirn, zum Hals und dann zum Herz führen, bevor sie sich mit ganzem Körper auf der Erde ausstrecken und mit der Stirn den Boden berührend. Dann stehen sie auf und beginnen die Handlungsfolge von vorn. Diese Form des Pilgerns um den Kailash dauert dann ca. 2-3 Wochen. Sehr berührend, diese Gesten voller Hingabe. Es sind nicht etwa nur junge Menschen, die dies vollziehen, sehr viele sehr alte Tibeter*innen in der traditionelle Kleidung mit vielfarbigen Kleidern mit langem Haar und Kopftuch sowie dicken Yakfell-Schürzen sind unter ihnen zu finden. Ganz besonders viele Frauen sind auf dem Weg, so scheint es uns. Und tatsächlich laufen auch Kinder die Kora mit ihren Eltern. Zwar dann nicht verbeugend, jedoch jung im Alter. Die Jüngste, die wir wahrnahmen, war ca. 4 Jahre alt.

Alte und junge, Familien, Paare, Tibeter*innen, Chines*innen (mit Oxygen-Spray im Rucksack 😉 und Inder*innen. Einige offensichtlich nicht oder kaum akklimatisiert so wie sie schnauften und prusteten. Geschichten kamen uns zu Ohren von indischen Hinduisten, die sich so sehr wünschen, an diesen Ort zu gelangen, dass sie Haus und Hof verkaufen, um sich das Ganze leisten zu können. Andere “gewinnen” eine Reise zum Kailash in der indischen Lotterie. Unabhängig von der Art der Finanzierung scheint beide zu vereinen, dass diese Menschen oftmals eher unvorbereitet in die Kailash-Region gelangen und dazu diese Reise bzw. Umrundung in einem unglaublichen Tempo absolvieren bzw. von entsprechend ungeschulten Guides dazu verleitet werden. Problematisch dabei ist, dass dies lebensgefährlich werden kann und wohl des Öfteren Menschen per Helikopter aufgrund der Höhenkrankheit und nicht absolvierten Akklimatisierung abgeholt werden müssen und auch immer wieder sterben. Traurig, aber auch das gehört zu der Geschichte der Reisen zu diesem Berg.

Während der relativ ebenen Durchwanderung des Shiva-Tsal, der Westseite, sahen wir schon in der Ferne den steilen Aufstieg auf den Dölma-la, der uns auf den höchsten Punkt auf der Reise bei knapp 5.700m führen sollte. Nicht nur die Kora an sich, gerade auch dieser beschwerlichste Teil nach den vielen Tagen des Trekkings und den Herausforderungen, hatten bereits in Gedanken die ganze Reise über für Respekt gesorgt. Skuril war das Erscheinen einer gefühlten Après-Skihütte mit tibetischer Schlagermusik in dieser wunderschönen und auch rauen Gegend mitten auf dem Weg, als jede und jeder von uns in sich verweilte wohlwissend, das nun DER Teil der Reise nahte, auf den wir alle so lange (manche Jahre!) hingefiebert hatten.  Außerdem nahte mit dem Aufstieg nochmal DIE Herausforderung für einige von uns, die sich mit ihren Kräften längst am Ende wähnten. Gemeinsam stiegen wir auf – in langsamem Tempo hintereinander. Diejenigen, die nicht mehr konnten, hatten immer jemanden an der Seite, der motivierte, vorherging und zog oder hinterherging. Mit jedem Schritt steil hinauf, so wirkte es, wurden manche ruhiger und andere euphorischer. Der Weg schlängelte sich immer schmaler werdend und mit tibetischen Gebetsfahnen gesäumt an der Nordseite entlang. 2 vorgelagerte Berge – Vajrapani (Buddha, der Verblendungen zerstört) und Avalokiteshvara (Buddha des Mitgefühls) – sowie etwas weiter hinten Manjushri (Weisheitsbuddha) wiesen uns den Weg.

Schritt-für-Schritt scheint alles möglich. Schritt-für-Schritt und vor allem im EIGENEN Tempo ist so vieles mehr drin, als wir denken. Eine Essenz des Ganzen spürbar erfahren. In den sich verengenden Serpentinen, die Massen von Gebetsfahnen um- und durchwandernd begleitet uns zur rechten Seite der Gipfel mit den 3 Buddha-Bergen, schneebedeckt. Mit jedem Schritt wird es kälter, mit jedem Schritt zieht der Himmel mehr zu. Nacheinander oben angekommen fallen wir uns in die Arme. Wir haben es geschafft – jede/r für sich und alle gemeinsam. Auch diejenigen 4, die die Kora nicht mitlaufen konnten (s. Post zu Trekking 2), hatten wir im Geist bei uns in diesen Momenten. Eiskalt und windig war es und doch so schön. Roman hing noch fix eine Gebetsfahne auf und wir machten ein Gruppenfoto. Dann ging es für die meisten gleich wieder bergab. Es war sehr ungemütlich, ansonsten hätten wir uns sicher viel länger aufgehalten.

Sonja und ich konnten uns trotz allen Unbehagens aufgrund der Wetterbedingungen doch nicht gleich lösen. Wir nahmen uns noch ein paar Minuten im Windschutz in Einkehr, bevor wir den anderen im Abstieg folgten und uns nun mit jedem Schritt vom Kailash entfernten. Im Tal angekommen, erwartete uns ein kleines Lager mit einem großen Zelt, indem wir Unterschlupf finden konnten, um auf die Maultiere und die Sherpas zu warten. Dort aßen wir unsere Mittagsreste und wärmten uns bei warmem Nepali-Tee am einzigen Ofen . Das Zelt war genau wie viele dieser Art sowie Teehütten eingerichtet. Ein Ofen in der Mitte mit 3-4 Kannen verschiedenen Tees (tib. Buttertee, Nepali-Tee (Milchtee), schwarzer Tee, heißes Wasser. Dazu gab es Cola oder Sprite in Dosen und eine Ansammlung von lustigen Thermoskannen, die hier so üblich sind. So kann man also eine oder mehr Thermoskannen Tee bestellen. Dazu gibt es einen Haufen verpackter Instant-Nudelsuppen chinesischer Art, die sehr beliebt bei Pilgern als auch anderen Reisenden sind. Der junge Mann, der scheinbar die Obhut über dieses Zelt hatte, schaffte uns eine Bank an den Ofen und gönnte sich selbst einige Dosen Cola, die er auf dem Ofen erwärmte, um sie schließlich YouTube-Videos guckend neben uns auf der Bank zu leeren.

Nachdem die Guides und einiges Sherpas eingetroffen waren, dauerte es noch eine ganze Zeit bis die Yaks und die Yak-Men eintrudelten. Wir nutzen diese  lange Pause, um unsere übliche Abendrunde am Ofen abzuhalten. Es war ja nun doch ein besonderer Tag. Schließlich liefen wir noch ca. 15-20 Min. das Tal entlang, um schließlich ein weiteres Übernachtungscamp am Kailash einzunehmen. Die Yaks und Sherpas waren bereits vorgegangen, jedoch war bisher nur das Küchenzelt aufgestellt. Es war eisigkalt, der Wind pfiff und uns war einfach nur kalt. Womöglich spielte die Erschöpfung auch eine Rolle. In jedem Fall bemühten wir uns, so schnell als möglich die Zelte aufzustellen, da auch die Dunkelheit nahte. Wir genossen erneut ein leckeres Abendessen und eine sehr kalte Nacht mit sternenklarem Himmel. Was für eine Nacht! Unvergesslich auch die Weite des Himmels, das Licht und die Sternenpracht. Zu diesem Zeitpunkt noch irgendwie unwirklich, was alles erlebt wurde. UND – es sollte ja noch weitergehen…mehr Märchen, mehr Aufregung, mehr Schönheit, mehr Herausforderung….die Pilgertour war noch lange nicht am Ende.

 

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3 Kommentare

  1. Namaste Katrin. Ich lese Deine Berichte imme wieder gerne, habe soviel Freude an Deinen Formulierungen und kann sehr gut nachempfinden, wie es Euch in Tibet ergangen ist. Wünsche Sonja und Dir eine gute Weiterreise. LG Jürgen

  2. Hey Katrin, fein geschrieben.
    Kleine Ergänzung, auf dem Weg nach oben waren links und rechts des Weges manchmal kleine höhlenartige Steinbrücken ,da sind die Tibeter auch durchgekrabbelt.Das gab dann wahrscheinlich auch Punkte auf der Karmabank. LG Wolle

    1. Lieben Dank für Dein Feedback und den Zusatz!Schön, dass Du mitliest. Wir fliegen gleich weiter nach NZ. Kathmandu war toll – tolle Plätze,bewegende Erlebnisse, interessante Menschen und berührende Begegnungen.

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