Trekking 2: Leben, essen und schlafen auf der Erde, WC-Geschichten, Meditation & Schweigen

Die Trekkingroute Nepal und Tibet in Übersicht

Von Simkot in Nepal aus sollten wir zu Fuß über Dharapuri entlang des Karnali-Flusses und schließlich über den Nyalu-La-Pass in das Limi-Tal Richtung Takche gelangen. Am Limi-Fluss entlang wagten wir uns immer weiter und höher über Jang, Halji, Tiljung und Manepeme westlich in Richtung Tibet vor, um in Hilsa die Grenze nach China-Tibet zu übertreten und von dort per Bus nach Purang zu gelangen. Mit einer Übernachtung im Hotel und Dusche! ging es sodann per Bus weiter zwischen Raksastal- und Manasarovar-See rechter Hand das Gurla Mandhata-Massiv imposant streifend Richtung Kailash. Am Manasarovar-See zelteten wir erneut sowie an weiteren Stellen zumeist mit unterschiedlichem Blickwinkel auf den Kailash. In Toling waren wir alle bei einer Familie untergekommen und bbestaunten Tsaparang, vormals Hochburg des Königreiches Guge mit seiner Klosteranlage in Tsaparang. Inn Darchen waren wir in einem Guesthouse untergebracht, von wo es wieder auf den Trek ging – nun mit Yaks und tibetischen Yak-Men auf die Kora um den Kailash in 4 Tagen.

Im Anschluss fuhren wir einige Tage erneut mit dem Bus durch Tibet und kamen durch die Steppe von Dolpo, wo es Dünen und noch Nomaden gibt (wenn auch versucht wird, diese sesshaft zu machen), sahen in der Ferne das alte buddhistische Königreich Mustang und kamen schließlich in der Grenzstadt Kyrong nochmals nach vielem Campen überraschenderweise in einem Hotel unter, bevor es am nächsten Tag dann wieder lauter Grenzkontrollen chinesischer Art gab bis wir in Nepal landeten.

Dort erhielten wir einen anderen und crossgängigeren Bus (obwohl dieser in Tibet auch dringend nötig gewesen wäre, mehr an anderer Stelle ;-)) und verbrachten 1,5 Tage inkl. letzter Camping-Nacht bei erstaunlicher Wärme auf unglaublichen Wegen in Schaukel- und Schieflage nah am Abgrund durch den wunderschönen Langtang National Park für nur wenige Kilometer Richtung Kathmandu.

Die Abendrunde

Die erste Nacht war warm und gut überstanden, wir fühlten uns so langsam bereits im Trekker-Outdoor-Dasein. Der erste Abend im Essenszelt mit Kerzenlicht und wunderbarem Essen – Dalbat – das nepalesische Nationalgericht (Reis mit Linsensoße und verschiedenem Gemüse). Zum ersten Mal hatten wir die “abendliche Runde” abgehalten, die von nun an fast jeden Abend zum Innehalten und Reflektieren anregte. Nach oder während des Essens sagte jede/r wie der Tag für sie/ihn war, wie es ihr/ihm geht und was sie/er sonst noch mitteilen möchte. Ein schönes Ritual der Besinnung und des Austausches. So konnte auch gut für alle festgestellt werden, in welcher Situation sich jede/r gerade körperlich und geistig befand, ob Schwierigkeiten und Herausforderungen vorhanden waren und somit Unterstützungsbedarf bestand.

Die heiße Flasche für die Nacht

Wir gingen mit der Dunkelheit schlafen – in Nepal war es dann so 20:30/21h und füllten unsere Thermos-/Plastikflaschen mit heißem Wasser. Dies war ein wunderbarer Tipp Roman’s aus all seinen Touren, der herzlich willkommen war. Denn die Flasche heißen Wassers wärmte den Schlafsack und bescherte somit eine warme Nacht. Gerade später in den kalten Nächten bis minus 10 Grad waren wir heilfroh darüber.

Morning Tea und Packen

Morning Tea am Zelt gab es dann als Weckruf oft um 6.30 nepalesischer Zeit oder dann später in Tibet 8.45 chinesischer Zeit. Nach dem Tee mussten wir zumeist alles Gepäck inkl. Daunenjacken und Schlafsäcke wieder einpacken, da es nach dem Frühstück bereits auf Wandertour ging. D.h. fast jeden Tag mussten wir unsere Taschen morgens wieder ein- und abends wieder auspacken. Das nervte nach längerer Zeit, gehörte allerdings dazu.

Und nach 1-2 Nächten Eingewöhnung hatten wir unsere Abläufe zu 2 Personen je Zelt dann auch schon organisiert. Wer macht was, wohin im Zelt gehören welche Tüten (alles nach Themen einzeln in Beuteln nochmals wassergeschützt), sodass sich alles gut wiederfinden lässt.

Das Frühstück

Das Frühstück war  jeden Tag aufs Neue sehr lecker. Es gab entweder Porridge oder Milchreis, dazu frisch gebackenes, dünnes nepalesisches Brot (Chapati), Marmelade, z.T. frischen Honig aus der Region, manchmal Rührei mit Kräutern. Dazu Kakao, Kaffee, Milchtee, schwarzer Tee und auch manchmal Kräutertee. Ein Genuss! Und ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit Freunden kurz vor der Abreise, als wir darauf kamen, wie gleichbleibend einfach und uninspiriert das Frühstück sein wird. Nichts davon, und das war gut so 🙂

Das Tagesthema im Schweigekreis

Während die Nepalis danach die Zelte abbauten und das Equipment auf den Maultieren verstauten, stärkten wir uns zumeist mit einem Kreis, zu dem wir uns Arm in Arm aufstellten. Jeden Tag zog jemand anderes eine Karte aus einem Stapel. Das Tagesthema mit Erklärung wurde vorgelesen (z.B. Du bist für Dein Leben veranwtortlich, suche keine Schuld bei anderen) und eine Minute miteinander schweigend gestanden, um die Worte nachwirken zu lassen und sich für den Tag auszurichten.

WC-Geschichten

Am ersten Übernachtungsplatz Dharapuri gab es eine Art Toilette – also eher eine abbruchreife Hütte, die ein Loch im Boden hatte. Daneben stand ein Eimer mit Wasser und einem kleinen Behältnis. Dies spiegelt eine typische, nepalesische Toilette wider. In der Stadt wäre es keine abbruchreife Hütte, sondern ein Betonbau mit abgeteilten Bereichen, wo sich mehrere Frauen (Männer in einem anderen Raum aber gleicher Stil) jeweils über ein Loch hocken. Gespült wird dann, indem der Becher mit Wasser aus dem Eimer gefüllt und in das Loch gekippt wird. Toilettenpapier bringt man sich (wenn man es denn nutzen möchte) selbst mit. Zum “chinesischen” System in Tibet dann später 😉 In jedem Fall war diese mit WC-Hütten-Konstellation eher selten. Im Normalfall – gerade später in Tibet, wo es dann keine Büsche und Bäume mehr gab, wurden 2 Klozelte in rot und blau (nicht etwa nach biologischem Geschlecht sortiert!), die auch auf den Maultieren mit transportiert wurden, unsere WC-Heimat.

Sobald wir irgendwo landeten und alle Zelte aufgebaut waren, gruben 1-2 Sherpas ein paar Meter abseits mit einer Hacke 2 Löcher aus und stellten die 1mx1m Klozelte auf. Mit Heringen befestigt eine tolle Sache – und sie haben alle Stürme ausgehalten. Lediglich der viele Sand in Tibet machte den Reißverschlüssen zu schaffen, sodass es hier und da klemmte oder auch nicht mehr komplett zu verschließen war. Nur des Nachts war es doch manchmal beschwerlich – vor allem bei 3,5 Tagen ungewohnten Regens im Limi-Tal (laut Roman war das noch NIE da) und erst recht bei minus 6- minus 10 Grad nachts in Tibet (auch das war laut Roman in über 20 Jahren noch NIE dar! Ich schließe daraus, dass wir eine Gruppe sind, der man physisch und psychisch unglaublich viel zumuten kann, da wir kraftvoll und geduldig sind ;-). Das weiße Gold – WC-Papier hatte man in allen Taschen deponiert. Überall ein bisschen – in allen Jacken- und Hosenschichten und die Rolle im Tagesrucksack. Gern wurde auch untereinander ausgeholfen, als zum Ende hin das Papier rar wurde. Unterwegs auf Wanderungen und Fahrten hockten wir Frauen uns bereits nach kurzer Zeit auch zu 2 oder 6 hinter Felsen, Haus- oder Steinwände. Frau wird wie Mann zur Natur. Die Scham nimmt rasch ab, und man spürt die Gleichheit und Verbundenheit in den essentiellen Dingen des Lebens.

Wandern im Schweigen

Auf den Wanderungen hatten wir oftmals mehrere Stunden Schweigezeit. Je weniger anstrengend die Strecke, desto mehr schweigen, so Roman’s Ansatz, denn je schwerer der Trek, desto besser lenkt das Reden von den Herausforderungen ab. Damit sollte er recht haben. Bereits am 2. Tag gab es eine wundervolle Strecke am Karnali-Fluss entlang, über Dörfer und an Wasserfällen vorbei, an Berghängen, die steil neben uns abfielen. Im Schweigen konnte jede/r sein eigenes Tempo gehen und sich auf sich und das Drumherum besinnen. Eine wahrhaft wichtige und tolle Sache, die jede/r von uns genießen konnte. Zwischendurch an wunderbaren und ruhigen Orten, setzten wir uns für ein paar Minuten und Roman läutete eine Schweige- und/oder Meditationszeit ein, indem er die Zimbeln schlug.

Wäschewaschen

Der zweite Tage führte uns an Walnuss- und Pfirsichbäumen entlang entlang des Karnali-Flusses nach Kermi, wo wir unser Camp nach einem zunächst steilen Auf- und dann noch steileren Abstieg am Wald am Fluss auf 2.670m aufstellten. Dort genossen wir auch ein Bad im eiskalten und rauschenden Fluss und einige nutzen die Zeit bereits zum ersten Wäschewaschen. Die Wäscheleinen zwischen den Zelten brachten in Kürze ein Gefühl von Heimat. An Orte in weitaus höheren Lagen war das Trocknen dann fast unmöglich. Zunächst regnete es im Limi-Tal in Nepal fast 4 Tage und später in Tibet gab es viel Wind, Sand und Eiseskälte, die eingefrorene Unterhosen produzierte. Hier und da machten sich Unterhosen oder Schlafsäcke auch schonmal selbst auf den Weg durch die Lüfte und mussten wieder eingefangen werden.

Herausforderungen der Höhe und Anstrengung

Am 3. Tag des Trekkings wurde eine scheinbar unsichtbare Grenze erreicht, die “Über-3.000m-Höhe-Grenze”. Einige von uns nahmen dies körperlich spürbar war und klagten über Durchfall, Kopfschmerzen, schwere Atmung, leichte Benommenheit oder Appetitlosigkeit. Roman hatte uns jedoch vorsorglich mit leichten Anzeichen der Höhe bekannt gemacht, sodass wir gut damit umgehen konnten. Auf unserer bisherigen Annäherung an die Höhe hatten wir exzellente Vorbereitung gehabt. Wichtig ist, jeden Tag etwas höher zu gehen, um dann wieder weiter unten zu schlafen. So hat der Körper eine gute Chance, sich langsam zu gewöhnen. Ebenfalls sollte man nicht in kurzer Zeit in große Höhen gehen. Dem wurde schon mit langjähriger Erfahrung auf dieser Tour und entsprechender Routenplanung vorgebeugt. Dennoch ist die Höhe zu merken, und es braucht Zeit und Geduld, sich daran zu gewöhnen. Außerdem reagiert jede/r anders. Planen lässt sich dies nicht und Erfahrung schützt nur sehr bedingt. Wir beobachteten gemeinsam die individuellen Anzeichen und Symptome und unterstützten uns im Umgang, sodass dies nach ein paar Tagen über 3.000m kaum noch Thema war.

Rückzug und Abreise

3 Personen schienen jedoch mit jedem Tag schwächer zu werden, ihr Körper reagierte. Was genau das Zusammenspiel der Faktoren war, lässt sich nicht sagen. Sicher auch die Höhe, die tägliche Anstrengung des Laufens, schwerer Atmung, Nässe, Kälte, ungewohntes Essen – so vieles kann es sein.

Auch die geistig-psychische Herausforderung permanent in Gruppe zu sein, zu wissen, dass es immer noch höher geht und herausfordernder werden wird. Die 3 Personen haben uns ein ganz tolles Vorbild geliefert. Sie haben ihre Schwierigkeiten wahrgenommen, kommuniziert und Hilfe angenommen. Da gehört einiges dazu. Ein Paar ist schließlich nach längeren Überlegungen einen Tag nach Überquerung der chinesischen Grenze nach Deutschland abgereist. Und sie bereuen es nicht, dass es so kam. Man muss sich auch eingestehen, wenn es nicht mehr geht. Jemand weiteres ist nicht mit auf die Kailash-Kora, also die Umrundung des Berges über 4 Tage gegangen, sondern hat im Guesthouse auf uns gewartet. Er hat es kommen sehen, da es für ihn täglich beschwerlicher wurde und er Schwierigkeiten mit der Atmung hatte. Bis dahin hatten sie mehrere Tage ein Pferd geliehen und sich und ihr Gepäck abwechselnd für Teilstrecken tragen lassen. Das war bereits eine große Entlastung und bemerkenswert, wie das alles über unsere Guides organisiert werden konnte. Eine weitere Person hat am Tag des Startes der Kora nahe des Kailash entschieden, sich zurück zum Guesthouse bringen zu lassen.

Sie hatte bereits mehrere Tage unter Appetitlosigkeit und damit Schwäche sowie Magen-Darm-Beschwerden gelitten. Auch sie war damit komplett zufrieden. Wir hatten selbstverständlich alle 4, die nun nicht mit auf der Umrundung des Berges auf bis zu 5.700m auf dem Dölma-La (Tara-Pass) sein konnten, dennoch geistig dabei. Irgendwie waren wir doch schnell zu einem guten Team geworden. Wie wir von unserem Guide hörten, gibt es doch immer wieder dominante Personen in Gruppen, die sich nicht helfen lassen. Das ist für einen Guide und eine Gruppe DIE Herausforderung. 

Ich und Wir

Des Weiteren ist diese Pilgertour zum heiligen Berg Kailash eine innere Entwicklungstour, die ihrerseits Tribut fordert. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Körperlich bin ich 1x über meine Grenzen gekommen – am Nara-la-Pass bei 5.000m, den wir bereits am 5. Trekking-Tag überqueren mussten, um in das wunderschöne Limi-Tal zu gelangen und entlang des Flusses Limi bis nach Tibet zu wandern. Der Pass war schneebedeckt, es war kalt und windig und die Höhe und Steile hat mich sehr gefordert, mir war schlecht und ich fühlte mich leicht benommen. Dennoch – auch innerlich sind Themen heraufgekommen, die angeschaut und durchlebt werden wollten. Als Paar haben wir Herausforderungen erlebt und durchgestanden, wie auch jede und jeder für sich.

Die Gruppendynamik kann positiv wirken, und da hatten wir großes Glück mit allen, die sehr hilfsbereit waren und sich auch jeweils zurücknehmen konnten. Das ist nicht selbstverständlich. Dennoch ist Gruppe auch anstrengend. Rund um die Uhr zumeist in allem zusammen. Als Paar heißt es immer wieder die Balance finden zwischen ICH und WIR – eine tolle Aufgabe, wenn man sie annimmt.

 
 

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2 Kommentare

  1. Wow, was für eine Tour. Ich kann gar nicht aufhören zu lesen und bin schon gespannt was noch folgt. Ihr könnt wirklich stolz auf euch sein was ihr geleistet habt 🙂

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