Work & Visit auf Buddhistisch – im Nagarjuna Kadampa Meditation Centre

Alles Glück dieser Welt entsteht aus dem Wunsch, dass andere glücklich sein mögen.

(Shantideva)

——————

DIE eine Reise besteht aus vielen Reisen in unterschiedlichsten Abschnitten

Rückblickend gestaltete sich bereits jede Woche des ersten Monats August unserer Reise in England und Schottland so sehr unterschiedlich in der Art und Weise:

  • der Unterkunft
  • des Zusammenseins mit und ohne Menschen
  • der Themen, die im Fokus standen
  • der Tätigkeiten.

So wird es auch weitergehen. Das war mir gar nicht so bewusst bei der Planung. Vielleicht ja sogar unbewusst sinnvoll gestaltet!? So scheint es tatsächlich.

Denn nach der ersten Woche im Norden Englands in der weitläufigen Natur des Manjushris Zentrums, übernachtend im Zelt mit Fokus auf die buddhistische Gemeinschaft und 3.500 Menschen aus aller Welt, Meditation und Unterweisungen, war unser Minizimmer in Edinburgh eher eine Art Rückzug zu uns selbst.

Der Aufenthalt in Schottland gestaltete sich als eine Zeit des Verarbeitens und Verdauens des Gelernten und Erlebten in Stille. Der Regen tat sein Übriges. Weniger Worte, mehr Wahrnehmung. Dem Citytrubel haben wir uns eher entzogen. Wohl erlebt und durchlaufen, jedoch immer auf der inneren und äußeren Reise zu Weite, Natur, mehr Ruhe und Kommunikation ohne Worte.

Der Fokus ergab sich ohne Streben: Edinburgh‘s geschichtliche Präsenz mit seinen großen, schweren Mauern von Gebäuden und Plätzen, die die Wurzeln der Ewigkeit abzubilden scheinen und zu Erdung aufrufen – und zwischendrin, aus dem Nichts sich manifestierend: uralte Bäume, Kirchen und Grabstätten auf Friedhöfen, die als Oasen der Stadt zu Stille und Besinnung einladen.

Am 7. Tag sagte auch Edinburgh „Goodbye“ im lauen Sonnenschein. Der Regen hatte sich tatsächlich etwas zurückgenommen. Per Zug ging es zunächst zusammen und dank eines sehr freundlichen Bahnmitarbeiters, der uns per Geheimtipp einlud, gemeinsam in Wagen „J = Juliette“ Platz zu nehmen, obwohl wir eigentlich laut Tickets in unterschiedlichen Abteilen sitzen sollten (aber das ist eine längere und andere Geschichte…) in Richtung Süden nach England. Aus irgendeinem Grund zog das Abteil ein paar Partypeople an (Freitagmorgen!), was die Entspannung doch erschwerte. Eine Gruppe rot be-T-Shirter Männer mit allerhand Bierdosen, die auch fleißig geleert wurden, mit einem Sprachgewirr aus englisch-gälisch-schottisch sowie eine gemischte Truppe von jung und alt – teilweise auch bierdosig beschäftigt und erstaunlich freizügig mit T-Shirt, Shorts und Flipflops bekleidet bei gefühlten 12 Grad Innentemperatur (Klimanalage war selbstverständlich aufgedreht bei max. 16 Grad Außentemperatur im heißen Sommer Schottlands) – waren der Unterhaltung nach auf dem Weg zu einem Junggesellinnen-Wochenende unterwegs.

Ankunft im Nagarjuna Centre

In einem mir nichtssagenden Ort musste ich umsteigen und das noch 2 weitere Male, wobei sich das letzte Umsteigen eher komplexer gestaltete. Was mir gar nicht so klar gewesen war:

Schweren Gepäcks (was war ich froh, dass Sonja den Seesack mit dem Zelt mitgenommen hatte) musste ich vom Bahnhof Northampton ca. 1,5km zu Fuß durch die schnuckelige Innenstadt zum Busbahnhof, um dort von einer freundlichen Bahnangestellten mit wohlgemeinten und doch für mich irritierenden Worten „Yes, darling,…“ erklärt zu bekommen, dass die Linie 60 – obwohl nirgendwo angeschlagen – tatsächlich über die Dörfer nach Thorny fahren sollte.

Etwas verspätet kam der Bus an und da dämmerte mir dann auch, weswegen diese Linie eher unscheinbar ist: Kleinbus bis max. 20 Personen, 1x täglich nach und von Northampton über eine Reihe kleiner Dörfer fahrend. Ein- und aussteigende Menschen 65++. Alle Augen waren auf mich gerichtet – beschnuppernd, interessiert bis neugierig aber durchaus wohlgesonnen. Offensichtlich kannte man sich, Gespräche wurden begonnen und bei Ausstieg mit lieben Grüßen nach persönlicher Anrede mit Vornamen vollendet. Ich hatte den Busfahrer bei Einstieg bereits gebeten, mich in Thorny gegenüber des Red Lion Pubs raus zu lassen (keine Anzeigen, Schilder o.ä. vorhanden und ich war dort noch nie!) und konnte die Fahrt so durchaus genießen. Einzig schloss ich die Augen als der Busfahrer rasanten Tempos beim Umschalten einer Baustellenampel nochmal das Gaspedal durchdrückte, anstatt anzuhalten.

40 Minuten später und im Sonnenschein mit Fahrt durch kleine Dörfer mit hübschen, altenglischen Häuschen und hügeligen Weidenlandschaften, gab der Busfahrer mein Codewort „Red Lions Pub“ an. Irgendwie schon sonderbar, dass das Nagarjuna Kadampa Meditation Centre ausgerechnet von der Hauptstraße nahe eines Pubs abzweigt.

Erfreut nahm ich das bekannte, braune Hinweisschild für Denkmäler zur Kenntnis, das mir direkt die Richtung zum „Buddhist centre“ anzeigte. Nur ein paar wenige Häuser rechts und links passierend, eröffnete sich mir ein großes Eingangstor zur sog. Thornby Hall, einem weitläufigen Areal mit Fußballplatz, Hecken und Rasenflächen, Teich, kleinem Wald sowie mehreren kleineren Gebäuden in wundersamen dunkelgelben Stein gebaut. Über einen breiten Schotterweg gelangte ich nach weiteren 500m zu dem Hauptgebäude, einem imposanten alten und verwinkelt ausschauenden, schlossähnlichen Haus in ebensolchem gelben Stein

erstrahlend. Was ich später erfuhr, die Thornby Hall, wie das Gelände benannt ist, ist erst seit Oktober 2017 Sitz des Nagarjuna Centres. Vorher war das Areal 25 Jahre lang für die Öffentlichkeit gesperrt, da es als Einrichtung und Ort der Therapie für schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche diente.

Dankbar, den Hinweis „Reception“ zu erblicken, begegnete mir bei Eintritt direkt das Lächeln von „Julie“, derjenigen, die als Assistentin der Verwaltung bzw. Geschäftsführerin (Administrative Director), tätig ist und mit der ich viel Zeit meines Aufenthaltes zusammenarbeiten sollte.

Aufbau und Organisation des Zentrums

Vielleicht wundert Ihr Euch, dass ein buddhistisches Zentrum eine „Geschäftsführerin“ hat. Leicht lässt sich vermuten, dass der Buddhismus als Religion und Lebensethik sich allem Weltlichen enthebt und buddhistische Gemeinschaften quasi ohne Geld in dieser Welt auskommend agieren können und sollten. Solche oder ähnliche Ansichten bzw.

Vermutungen wurden bereits an mich herangetragen, und daher möchte ich dies gern zum Anlass nehmen, etwas aufzuklären. Natürlich kann ich hier einzig und allein für die Zentren der Neuen Kadampa Tradition sprechen, eine buddhistische Tradition, die als gemeinnützige Organisation mit 1.100 Zentren in über 40 Ländern der Welt vertreten ist. Die Kadampa Meditationszentren weltweit, so auch das Nagarjuna Meditation Centre in Thorny, finanzieren ihre laufenden Kosten über Vorträge, Halbtages-, Tages-, Wochenendkurse oder Retreats in Meditation, buddhistischer Ethik und Psychologie. Alles, was darüber hinaus eingenommen wird, fließt in das sog. Internationale Temple Projekt, einem Projekt zur Förderung des Baus von Tempeln, die dem Weltfrieden gewidmet sind.

Um einen Ort der Zuflucht, Stille und Förderung der inneren, geistigen Entwicklung mithilfe buddhistischer, 2.500 Jahre alter und nach wie vor aktueller Methoden, wie z. B. Meditation, für alle Menschen aufbauen, erhalten und weiterentwickeln zu können, bedarf es einer strukturellen und organisationalen Basis. So gibt es in vielen Zentren weltweit, wie auch im Nagarjuna Centre, verschiedene Menschen, die ihre Arbeitskraft dem Zentrum zur Verfügung stellen und auch Verantwortlichkeiten übernehmen, wie eben die Geschäftsführerin (Administrative Director), die sich neben den Einnahmen und Ausgaben u. a. besonders auch um Organisation und Abläufe rund um die Gebäude und die Gemeinschaft kümmert.

Im Nagarjuna Centre gibt es z.B. knapp 60 Räume allein im Haupthaus und derzeit 30 sog. „Residents“, einige europäische Nonnen und Mönche, zumeist jedoch Menschen wie Du und ich ­- Singles als auch (Ehe-)Paare teilweise mit Kindern – die dort leben. Manche widmen ihre Zeit und Arbeitskraft fast vollständig dem Zentrum, die meisten haben einen Job außerhalb und haben dort im Zentrum ein Zimmer bezogen, da sie die Gemeinschaft sowie das spirituelle Programm genießen, welches angeboten wird. Neben der Geschäftsführerin, Amanda, gibt es noch die Programmkoordinatorin (Education Programme Coordinator), Kelsang Rigma, die sich um die Planung des spirituellen Programms, also die Kurse, Vortragsabende im Zentrum und außerhalb kümmert, um deren Vor- und Nachbereitung, Durchführung sowie um Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, wie die Erstellung und Pflege der Webpage, Erstellung und Verteilung von Flyern, Plakaten, Social Media Aktivitäten etc.

Des Weiteren gibt es eine Haushaltsmanagerin (Houshold Manager) namens Janice, die die Fürsorge für Gäste und deren Zimmer übernimmt. Sie versucht die Übersicht zu bewahren, wann für welche Kurse welche Personen ankommen und übernachten möchten.

All dies muss vor- und nachbereitet werden. So bspw. Gästezimmer herrichten: Betten beziehen, saugen, putzen, Tee und Zubehör (gaaaanz wichtig in England) arrangieren und es ihnen schön machen. Hinterher wieder Betten abziehen, Wäsche waschen, trocknen, bügeln und alles von vorn 🙂

Zusätzlich findet man sie oder auch andere Residents oft an der Rezeption, wo sie die Gäste willkommen heißt, herumführt, Zimmer zuweist, erklärt…Wo findet ich Toiletten? Wann gibt es wie Essen?, und sie war es auch, die meine Email-Anfrage für 2 Wochen als sog. Volunteer beantwortete und mich einlud zu kommen. Währenddessen kümmert sich Samantha, die Café Managerin, liebevoll darum, dass das hausinterne World Peace Café läuft. Das bedeutet nicht nur, den Einkauf zu planen und die tägliche vegane Suppe, die angeboten wird, zu kochen, sondern auch die Volunteers aus aller Welt, die sich dort einbringen, in Schichten einzuteilen und anzulernen sowie einen Überblick über die benötigten Nahrungsmittel und Getränke und deren Anlieferung bzw. Bestellung für die gemeinsamen Abendessen der Sangha (Gemeinschaft) zu bewahren. Das Abendessen ist normalerweise die Zeit, zu der sich alle – diejenigen, die außerhalb ihren Jobs nachgehen, diejenigen, die im Zentrum „arbeiten“ sowie die Volunteers – gemeinsam zusammensetzen und essen. Jede/r bringt sich ein, und abwechselnd kochen jeweils 2 Personen täglich ein Abendessen für alle.

Verschiedenste Formen des Lebens in der Gemeinschaft und des Einbringens sind möglich. So hat z.B. Andy, der Ehemann von Amanda (der Geschäftsführerin), seit vielen Jahren einen Teilzeitjob in der Autobahnmeisterei, um für die Familie etwas Geld zu verdienen,  jedoch ist er ebenso Teilzeit für das buddhistische Zentrum als Hausmeister tätig, da in diesen alten Gebäuden immer etwas zu reparieren oder zu bauen ist. Ihr gemeinsamer Sohn ist jetzt 15 und im Zentrum aufgewachsen.

Diejenigen, die eine offizielle Teil- oder Vollzeitstelle für das Zentrum innehaben, werden „gesponsort“, d.h. sie bekommen monatlich eine kleine Summe Taschengeld, ein Zimmer im Zentrum sowie Mahlzeiten kostenlos. Dies macht deutlich, dass dies keine herkömmlichen Jobs sind, in denen es in der Hauptsache darum geht, viel Geld zu verdienen. Es erfordert eine gewisse, innere Einstellung, um eine solche Stelle wählen und auszufüllen zu können, wie z. B. den starken Wunsch, vielen Menschen helfen zu wollen, ein tiefes Verständnis von den grundsätzlichen buddhistischen Einsichten, wie Karma und Wiedergeburt, wenig Anhaftung an Geld und Besitz, sowie starkes Vertrauen in die sog. 3 Juwelen – Buddha (diejenigen, die den tiefsten inneren Frieden und Glück bereits erlangt haben), Dharma (die buddhistische Lehre) und Sangha (die buddhistische Gemeinschaft).

Für mich einfach nur bewundernswert, wie Menschen weltweit, ob in Berlin, England oder Südamerika, dieses Vorbild des freiwilligen Engagements aus großer Güte zeigen. Und das sicher nicht nur in der Neuen Kadampa Tradition und auch nicht nur im Buddhismus oder in religiös-spirituellen Zusammenhängen im Allgemeinen.

Das World Peace Café ist ein hübscher Raum ebenerdig im Nagarjuna Centre gelegen, das über die Lounge (Aufenthaltsraum mit gemütlichen Sofaecken) direkt in den Garten führt, sodass auch dort bei Kaffee und Kuchen oder auch Suppe, Sandwiches, Scones oder Salaten verweilt werden kann. Das Café hat täglich an 7 Tagen die Woche von 11-16 Uhr geöffnet, und ich kann nur sagen: köstlich!

Während meiner Zeit als Volunteer habe ich, wie auch alle anderen Volunteers und Residents, die dort „arbeiten“, mittags dort gespeist und feinen veganen Salat, Sandwich und frisch gerösteten Americano zu mir genommen.

Ganz besonders ist, dass zumeist 3-4 Volunteers dort die Gäste bedienen. Jeden Tag kommen Besucher*innen vorbei: Ob Gäste der Kurse oder auch Radler*innen, Spaziergänger*innen oder Menschen, die den Ort schätzen oder immer mal kennenlernen wollten, das Café ist gerade mittags täglich sehr gut besucht.

Die Lehrerin

Vor Ort lernte ich auch die Zentrumslehrerin und spirituelle Leiterin für Großbritannien, Kadam Bridget Heyes, kennen. Eine wirklich sehr erfahrene Lehrerin, die es vermag, die buddhistischen Lehren bodenständig und für die heutige Zeit praxisnah zu vermitteln. Der Namenszusatz „Kadam“ wurde ihr, wie auch anderen Zentrumslehrer*innen weltweit vergeben, da sie länger als 4 Jahre ein buddhistisches Zentrum leitet und keine ordinierte Nonne ist.

Kadam Bridget lebt mit Ihrem Ehemann, Kadam Chris Heyes, der ebenfalls Lehrer aber auch Künstler ist, bereits seit 24 Jahren im Nagarjuna Centre bzw. haben Sie 1994 mitgeholfen, das buddhistische Zentrum aufzubauen. Sie haben zusammen 3 Kinder bekommen und dort im Zentrum aufgezogen. Kadam Bridget unterrichtet in Großbritannien und wird auch zu internationalen Veranstaltungen sowie zur Leitung von Kursen und Retreats in anderen Ländern eingeladen.

Während mich Julie direkt nach meiner Ankunft durch die vielen verschlungenen Gänge und Treppen des Gebäudes hin zu meinem Bett in einem 4-Bett-Zimmer unter dem Dach führte und mir danach Lager, Putzraum, Meditationsraum etc. zeigte, packten mich kurzfristig Gedanken, wie „Was, wenn ich den Weg zurück nicht finde?“ „Und wie soll ich mir jemals die vielen Wege und Verbindungsstrecken merken?!“ All diese Gedanken beruhigten sich schnell wieder, als ich in der Lounge wieder angekommen, durch die offene Tür hinaus im Garten Kadam Bridget und Gen Kelsang Tubchen bei einem Tee sitzen sah.

Wiedersehen mit Gen Kelsang Tubchen

Gen Tubchen ist eine englisch/schottische Nonne und auch die Lehrerin des Nordisk Kadampa Meditasjonssenter in Oslo/Norwegen. Sie war meine erste buddhistische Lehrerin überhaupt, und ist mir eine gute und wichtige Freundin geworden. Als ich damals in Oslo wohnte und zum allerersten Mal dem Buddhismus begegnete, war sie diejenige, die als Lehrerin aus Schottland nach Norwegen kam und wichtige Impulse, Wissen und Energie mitbrachte, um mit 2 anderen und mir gemeinsam eine buddhistische Gemeinschaft aufzubauen und ein kleines Zentrum, also einen Ort der gemeinsamen Praxis, zu erschaffen.

Da es uns in den letzten Jahren kaum gelungen ist, uns zu sehen, hatten wir uns im Nagarjuna Centre verabredet. Tubchen ist extra eine Nacht länger geblieben, nachdem sie dort eine Woche ein Meditationsretreat geleitet hatte, und so konnten wir den Tag noch gemeinsam verbringen und erzählen, erzählen, erzählen. Das tat so gut. Und es ist doch immer wieder erstaunlich, dass es Menschen gibt, die man lange nicht sieht und hört, und doch ist da eine starke, positive Verbindung, die alles überdauert.

Die Working Visitors – Volunteers (Freiwillige) aus aller Welt

Wie ich hörte, sind zumeist sogar 10-14 Volunteers im Nagarjuna Centre. So einige junge Menschen aus aller Welt fühlen sich von dem Zentrum angesprochen. Sie können dort für Kost und Logis 5 Tage/Woche maximal 7h pro Tag ihre Arbeitskraft einbringen (eher weniger), kostenlos an dem spirituellen Programm teilnehmen, Menschen aus aller Welt kennenlernen und ihr Englisch verbessern. Mit mir zusammen waren Working Volunteers aus Wales, Deutschland, Australien, USA, Mexiko, Spanien und Mallorca da. Alle bleiben mindestens 4 Wochen, sodass sie sich gut eingewöhnen können.

Da gibt es natürlich permanent An- und Abreisen. Da ist besonders bei den Residents (diejenigen, die in der Gemeinschaft längerfristig leben) absolute geistige Flexibilität gefordert. Erstaunlich, wie gut sie das machen! Denn ich fände es so gar nicht leicht als Resident beständig auf Neue zuzugehen, womöglich immer wieder Ähnliches zu erklären, mich zu interessieren, mit ihnen das Gespräch zu suchen und sie dann bald wieder zu verabschieden, um wieder jemand anderes kennenzulernen, zu verabschieden etc. Einem Menschen dennoch das Gefühl zu geben, wichtig und besonders zu sein und sich für sie oder ihn zu interessieren, alle Abläufe und Fragen zum X. Mal geduldig und mit Freude zu erklären und schließlich auch den Abschied ohne Klammern, Trauer oder Wehmut zu begehen. Das ist wunderbare Praxis!

Ich wurde herzlich von allen Seiten willkommen geheißen. Working Visitors, die teilweise bereits Wochen oder auch Monate vor Ort waren, Residents und auch Gäste, die nach dem beendeten Retreat noch ein paar Tage bleiben wollten oder solche, die bereits für Folgekurse oder auch nur für ein paar Tage der Stille und Besinnung an diesem schönen Ort waren, lächelten mich an und nahmen sogleich Kontakt auf, sie halfen bei Fragen oder bei verwirrtem Blick, nachdem ich die richtige Tür oder Treppe nicht mehr auffinden konnte.

Freitag an meinem Ankunftstag hatte ich noch frei, ich war ja erst gegen 16:00 angekommen. So hatte ich genug Zeit, mir alles in Ruhe anzusehen und zu erkunden und später mit Tubchen einen großen Spaziergang zu machen. Um 18:00 Uhr fand, wie jeden Tag, das tägliche Abendessen statt, zu dem zumeist alle, die da sind, zusammen kommen. Eine lustige Runde mit zumeist 20-30 Personen.

Mein Bett mit dazugehöriger Kommode war bequem und ausreichend, das Zimmer recht groß.

In einem anderen Dorm (Schlafsaal) für Frauen, waren 5 Frauen zusammen untergebracht. In meinem Zimmer waren außerdem noch: das Bett einer Mexikanerin, die ich jedoch erst ein paar Tage später kennenlernen sollte, da sie zu dem Zeitpunkt in Edinburgh weilte sowie Manon, eine Französin, mit der ich am folgenden Tag ab 16:00 Uhr ein Abendessen für die Gemeinschaft vorbereitete. Zusammen schälten und zerteilten wir gefühlte 30 Kürbisse sowie kiloweise Kartoffeln.

Wenige Tage später verließ uns Manon Richtung Frankreich, da sie wieder zur Uni musste, und ihr Bett wurde von Lisa aus Wales bezogen, die gerade Semesterferien hatte. Mit Lisa verbiendet mich allerhand. Ich hatte den Eindruck, sie wäre ich – nur 15 Jahre früher 😉 Sie ist dem Buddhismus gegenüber sehr interessiert und überhaupt eine sehr tiefgründige Frau, die sich selbst und die Welt neu erschließen möchte. Wenige Tage später kam auch die Mexikanerin zurück in ihr Bett.

Sie selbst möchte hier nicht namentlich benannt werden, jedoch ebenfalls eine tolle Frau in Lebensumbrüchen. Nicht so jung wie viele andere der Volunteers, sogar älter als ich, dennoch deutlich jünger wirkend, Schauspielerin aus Mexiko, die jetzt um die Welt reist, um danach nach Uruguay zurückzugehen, woher sie stammt. Dort möchte sie sich um ihre alten Eltern kümmern und dann Filme drehen. Sie stellt fest, dass gerade ältere Menschen immer mehr einsam und isoliert leben und den Lebensmut verlieren. Dazu braucht es Aufklärung, und Film ist ihr Metier. Ihr könnt Euch vorstellen, dass wir lange Gespräche dazu hatten! Die Themen reichten vom Alltag und Arbeit im buddhistischen Zentrum zu Buddhismus und Meditation über Beziehung und Beziehungen zum Sinn des Lebens über Lebenswünsche und dem, was wir in die Welt bringen möchten Überhaupt habe ich über sie einiges über Mexiko erfahren, gerade auch kulturell und geschichtlich.

Weitere Volunteers und Ihre spannenden Hintergründe:

  • Angel, 30 Jahre, aus Mexiko, arbeitet bei einem großen, internationalen Computerhersteller und weiß zu schätzen, was er damit für ein „Glück“ hatte, denn so einen gutbezahlten und festen Job im Norden Mexikos zu bekommen, ist den meisten verwehrt. Er hat sich nicht etwa von seinem Job freigenommen, um eine Zeit nach England zu fahren, nein, er arbeitet tagsüber als Volunteer im buddhistischen Zentrum und danach für seine feste Stelle in Mexiko per Notebook und Videocall als Accountant. Er brauche das Geld, um sich die Reise überhaupt leisten zu können, und seine Kolleg*innen hätten ihn in diesem Wunsch für 4 Wochen unterstützt, damit er innerhalb des Teams einer derjenigen sein kann, die auf dem internationalen Markt mit guten Englisch vertreten sind
  • Esperança, Anfang 40, aus Mallorca, schwer erkrankt (gewesen?!), muss, wie sie sagt, ihr Leben verändern, hat nach den 4 Wochen Working Visit einen Job in London in einem Labor sicher, sehr herzlich und sie genießt die Spanisch-Talks mit anderen Spanisch-Sprechenden zwischendurch.
  • Edleia, 18 Jahre, aus Süddeutschland, absolviert gerade die 13. Klasse einer Waldorfschule und nutzt die Ferien jedes Jahr, um in die Welt zu ziehen. Im letzten Jahr war sie 6 Wochen in Nepal allein. Nach ihrer Abreise aus dem Zentrum verbrachte sie noch 2 Wochen in London und schaute sich Yogaschulen an. Sie möchte Yogalehrerin werden.
  • Nono, Anfang 30, aus Australien mit asiatischen Wurzeln, schreibt Skripte für Theater und Fernsehen, kann daher viel von unterwegs arbeiten und tut dies abends am Notebook. Er hat seit seiner Jugend in verschiedenen buddhistischen Zentren temporär gelebt, sogar als Mönch auf Zeit in einem Hinayana-Zentrum. Er meint, er brauche manchmal die Nähe eines Zentrums und dann entferne er sich wieder. Er sei auf der Suche nach einer spirituellen Heimat.
  • Jackie, Anfang 20, aus den USA, seit einem Jahr auf Weltreise, hat kein Geld mehr und suchte daher auf Helpex etwas, wo sie arbeiten und so Geld sparen kann, um zu sehen, was danach kommt. Fühlt sich überall in der Welt zu Hause und weiß noch nicht, wo und ob sie sich niederlässt.
  • Pilar, Anfang 20, aus Spanien, studiert Raumfahrt und möchte zur NASA, sehr wissbegierig und sehr interessiert am Buddhismus.
  • Nihar, Mitte 20, aus Singapur, studiert jedoch in den USA, Berlin-Begeisterte
  • Sammy, Mitte 20 aus den USA, allzeit gut gelaunt und liebevoll, Liebhaberin von Kaputzenpullover
  • Wenke, Mitte 30 aus Norddeutschland, bereits seit Oktober 2017 im Nagarjuna Centre und daher fast schon mehr Resident als Working Volunteer. Sie hat ihren Partner, einen bereits dort wohnenden Resident mit indischen Wurzeln, im Zentrum kennengelernt und möchte mit ihm ihr Leben verbringen. Daher hat sie vor dort zu bleiben und sich außerhalb des Zentrums einen bezahlten Job suchen, um die Miete des Zimmers etc. zahlen zu können.

Einfach unglaublich, welche interessanten und so unterschiedlichen Menschen als Working Visitors für einen Zeitraum in ein buddhistisches Zentrum gelangen, sich dort treffen und wieder auseinandergehen. Und dabei habe ich noch nicht einmal die Residents beschrieben, die ebenfalls so verschiedenen Biografien haben und an diesem Ort ein Zimmer in einer besonderen Gemeinschaft bewohnen.

Meine Aufgaben und Tätigkeiten

Alle Working Visitors sowie wenige Residents, die im Zentrum arbeiten und Vollzeit helfen, sind in einer sog. Rota, einem Schichtplan erfasst, sodass alle wichtigen Tätigkeiten, die es braucht, um den Sinn und Zweck des Zentrums zu erfüllen, aufeinander abgestimmt und im entsprechenden Zeitraum erledigt werden können. Jede/r hat auch immer eine/n Ansprechparter*in für den entsprechenden Arbeitsbereich, sodass Aufgaben genau erklärt, gezeigt oder Fragen geklärt werden können. Je nach Team stimmt man sich dann ab, wer was tut, wann und mit wem. Es hat wirklich Freude gemacht, trotzdem ich natürlich allerhand Tätigkeiten innehatte, die ich zu Hause so nicht so gern getan hätte.

Dafür sorgte definitiv das freundliche und spannende Umfeld, die Unkompliziertheit der Verantwortlichen, der freundliche Ton und Umgang allgemein, Pausen, die wir uns nehmen konnten, wie wir sie brauchten, leckeres Essen und Trinken aus dem Café zwischendurch usw.

Meine Tätigkeiten über die 2 Wochen:

  • Gerade zum Wochenende war immer besonders viel los. Da am Wochenende zumeist mehrere Kurse parallel liefen: Halbtages- oder Tageskurse, Retreats, einzelne Meditationssitzungen usw. Und daher waren immer Gästezimmer vorzubereiten. Das bedeutete: saugen, putzen, Betten beziehen…

Betten beziehen! Nicht nur einfach Betten beziehen, sondern feine, altbritische sog. Quilts als Bettbezüge, die an den Seiten des Betts jeweils bis zum Boden herunterhängen …sie sind einfach nur groß – lang – unhandlich – einfach U N G L A U B L I C H.

Der Kampf mit den Bettbezügen war schon sehr lustig, auch die Suche nach den passenden Bettbezügen für breitere Betten mit Zwischengrößen. Was haben wir gelacht, und es ging ja anderen genauso, denn jede und jeder hatte mal mit den Betten und BÜGELN zu tun. Ja, richtig gehört, Katrin hat haufenweise Bettwäsche gebügelt J und sich sogar mit allen Arten von Bezügen und Laken angefreundet.

Dazu gab es in den Gästerzimmern ein Arrangement von allerhand Teesorten (seeehr wichtig!), Gläsern, Wasserflaschen, Wasserkocher, Handtüchern, kleine Schokis als Willkommensgeschenk, Taschentüchern etc. Und das alles freundlich hergerichtet und zusammengestellt für einen angenehmen Aufenthalt.

  • Nach einem Wochenende wurden die Betten dann wieder abgezogen, aufgeräumt, Müll entsorgt und unheimlich viele Waschmaschienenrunden angeworfen wie auch Trockner, schließlich dann die Wäsche zusammenlegt, in die Kammer transportiert und einsortiert.
  • Zwischendurch hatte ich Dienst an der Rezeption und habe Gäste zu Kursen willkommen geheißen, ihnen Wege, Orga und anderes erklärt.
  • Dann gab es noch Unkrautjähten rund um das Haupthaus.
  • Einmal im Monat an einem Freitag gibt es regelmäßig einen speziellen Programmpunkt: Stop the week – meditation & meal, wofür ein 3-Gänge-Menü vorbereitet wird. Die Gäste nehmen zuerst an einer geleiteten Meditation teil und kommen dann in den Essenssaal, wo das Essen fein angerichtet serviert wird.

Dafür durfte ich mit Nuäala (gesprochen Nula) zusammen kochen. Nuäala ist eine ca. 60 Jahre alt Frau aus der Umgebung, Ergotherapeutin und vegane Kuchenbäckerin in Teilzeit, die sich dem Zentrum und der Gemeinschaft verbunden fühlt und hin und wieder hilft, indem sie kocht oder backt. Nun also war kochen angesagt und zwar für 60 Personen.

Was haben wir gelacht. Nuäala ist mehr so eine intuitive Kocherin. Sie hatte wohl ein Buch dabei und sich auch Gedanken gemacht, was es geben soll, gekocht haben wir aber eher ohne Rezept nach Gefühl. Ich sehe in Nuäala eher eine Hexe, eine ganz liebevolle mit viel Humor und Zuneigung. Gewürzt haben wir so: Nuäala „Ich fühle, da muss mehr Salz rein.“ Ich „Nuäala, ich brauche hier bitte dein Gespür fürs Gewürz.“ So oder ähnlich kochten wir 5 Stunden lang verschiedene Dips und Gemüsesticks sowie fritierte Tortillas als Vorspeise, vegetarische und vegane Quiche, gebackene Kartoffelecken und Salat als Hauptspeise und kleine Apfel-Törtchen zum Nachtisch. Dekoriert wurden mit roten Seidenschals, passenden Platzdeckchen und Weingläsern, in denen das Wasser serviert wurde.

Das erste Apfelmuss mit 30 frischgeschälten Äpfeln löste sich im Topf in Nichts auf, und wir schälten einfach nochmal 30 Äpfel (glücklicherweise gab es die noch). Freundlicherweise half uns Angel aus Mexiko beim Schälen und Abwaschen.

Nachdem wir alles fertig hatten, machte sich Nuäala auf den Weg nach Hause, nicht, ohne mich vorher noch zu sich nach Hause einzuladen (in einen britischen Haushalt ;-), und ich hatte Pause bis zum Abend. Nach der Meditation servierte ich dann mit anderen zusammen den Gästen die Menüs. Und es war soo lecker!

Nuäala schickte ich natürlich sogleich Fotos und Rückmeldungen zu ihrer Beruhigung und ich und die ca. 10 anderen helfenden Residents machten uns hinterher über die Reste her, bevor wir gemeinsam die Küche und den Speisesaal wieder aufräumten.

  • Ansonsten habe ich des Öfteren Flure und den Speisesaal gesaugt, Tische geputzt, den Frühstücksbereich aufgefüllt und aufgeräumt.
  • mehrmals mit verschiedenen Leuten gekocht,
  • und ich war mir Julie in Kelmarsh, einem Ort ca. 6-8 km entfernt. Dort finden sich die Räumlichkeiten des ursprünglichen Nagarjuna Centre, das bis Oktober 2017 in Kelmarsh lag. Der Umzug seit Oktober Nach Thornby war sehr aufwändig bei so vielen und großen Räumlichkeiten, die es braucht, und Menschen, die um- und mitziehen. Daher gab es nun über die letzten Monate nach und nach Umzüge aller Dinge und Menschen, und Julie und ich waren einen Tag zum finalen Putz vor Ort. Wir verabschiedeten das leerstehende Gebäude schließlich mit der letzten Autoladung und nachdem wir die letzten Räume gesaugt und gewischt hatten für die Übergabe an einen Anbieter eines Pflegeheims für Demenzerkrankte, der dort nun ein solches Heim eröffnen möchte.
  • Außerdem habe ich unglaublich VIEL Bettwäsche gebügelt!! Ja, auch die ewiglangen Quilts 😉
  • und Bäder geputzt
  • und viele Bettlaken und -decken zusammengelegt, u. a. mithilfe von Peggy.

Peggy ist eine englische Frau Anfang 70, die unweit von Brighton wohnt. Sie ist alleinstehend und war zu einem Wochenendkurs vorbeigekommen und im Anschluss noch ein paar Tage geblieben. Sie hat im letzten Jahr eine Knie-OP gehabt und seitdem besonders gemerkt, dass sie älter wird und ihr Körper nie mehr ganz ok wird, sondern sich wohl nach und nach verschlechtert. Peggy hat mich sehr beeindruckt mit ihrer Weisheit.

So sagte sie mit Tränen in den Augen, dass es keinen Sinn hat, zu ignorieren, dass Körper und Geist abbauen und es kein Zurück mehr gibt. Obwohl es ihr sehr schwer fällt, wird sie noch in diesem Jahr ihr liebgewonnenes Haus verkaufen und sich eine Wohnung in oder am Rande einer Stadt suchen, um Arzt, Einkaufsmöglichkeiten und alles Wichtige um sich zu haben, sobald es schlechter um ihre Gesundheit steht. Sie meinte, jetzt sei die Zeit, sich zu kümmern, denn noch könne sie es selbst. Das kaputte Knie habe ihr gezeigt, dass es Zeit wird und der Körper stetig abbauen wird.

Neben diesen Tätigkeiten hatte ich auch die Gelegenheit, an den täglichen Gebeten mit Meditation um 17:00 Uhr teilzunehmen sowie an den öffentlichen Vorträgen am Mittwochabend, die Elly in dieser Zeit leitete. Manchmal konnte ich auch an den Mittagsmeditationen mit Tony teilnehmen. Obwohl es aufgrund der Ferienzeit ein sehr abgespecktes Programm gab, war ich sehr erstaunt, wie viele Lehrer*innen außer Kadam Bridget vor Ort bzw. im Lehrerausbildungsprogramm sind und allerhand verschiedene Formate übernehmen.

Ansonsten gibt es in dem kleinen Ort einen schönen, alten Friedhof mit einer Kirche und typisch britischen Grabsteinen. Dort habe ich hin und wieder ein After-Work-Päuschen gemacht.

Da Chris Heyes neben seiner Lehrertätigkeit auch Künstler ist, findet sich auf dem Gelände in einem Nebengebäude ein kleines Kunststudio, indem Chris selbst zusammen mit anderen Buddhastatuen herstellt und auch Kurse dafür anleitet. Ein großer Raum wurde gerade erst hinter dem Kunstatelier zu einem Meditationsraum umgebaut und an meinem ersten Wochenende vor Ort im Rahmen eines gut besuchtes Kurses eingeweiht.

Alles in allem war es eine sehr schöne und besondere Zeit für mich. Ich habe mich sehr willkommen geheißen gefühlt, vieles gelernt und allerhand in Begegnungen wahrgenommen, das mich inspiriert und motiviert – für das Leben im Allgemeinen und auch für den buddhistischen Pfad im Besonderen. Herzliche Begegnungen und Gespräche bleiben, ich werde wiederkommen.

 

 

Auch interessant

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.