St Columba’s Hospice in Edinburgh

Als wir an einem besonders regnerischen Tag einen Schirm-Spaziergang zum Meer machten und dort bei kühler Brise an der Promenade mit Sicht auf ein entferntes Industriegebiet langschlenderten, wünschten wir uns nichts sehnlicher als das Aufhören des “unendlichen” Regens und das Erscheinen eines kleinen, schnuckeligen Cafe’s, um ein wenig Wärme und Trockenheit und ein bisschen Wohlgefühl in Form eines Kaffee’s zu erhaschen.

Kurze Zeit später fiel mir ein Hinweisschild auf der anderen Straßenseite ins Auge: St Columba’s Hospice. Sogleich bogen wir von der großen, vierspurigen Straße entlang des Meeres ab und wanderten einen kleinen Hügel hinauf.

Geschichte

Die Geschichte des Hauses kann bis in die Mitte der 60er zurück datiert werden. Zu dieser Zeit besuchte Ann Weatherill – Matron of Corstorphine and Beech Mount Hospital in Edinburgh (Oberschwester des Corstorphine und Beech Mount Krankenhauses) das St Christopher’s Hospice in London, das erste Hospiz in England. Berührt und inspiriert ob der Pflege, die Menschen am Lebensende dort gewährt wurde, begann sie zu handeln. Gemeinsam mit Dr. Derek Doyle rief sie ein Komitee ins Leben, das den Auftrag bekam, die finanziellen Mittel für den Bau des ersten, schottischen Hospizes zusammen zu tragen.

Nach vielen Jahren des Fundraisings, Entwickelns von Plänen sowie des Bauens, öffnete das St Columba’s Hospice (benannt nach einem irischen Mönch und Missionar) im Dezember 1977 seine Türen für zunächst 15 Patient*innen und mit einer finanziellen Basis, die die laufenden Kosten für einen Zeitraum von 3 Monaten überbrücken konnte.

Über die Jahre ist das Hospiz gewachsen, und es hat sich zu einem beispielhaften Leistungserbringer und Spezialist in Palliative Care für tausende von Patient*innen und ihre An- und Zugehörigen in Edinburgh und den Lothians (Region um Edinburgh) entwickelt. 1977 hat St Columba’s Hospice als Pionier das moderne Hospizkonzept eingeführt.

Gebäude

Das erste Gebäude, das 1977 in das Hospiz umgewandelt wurde, ist die Challenger Lodge, ein denkmalgeschütztes Gebäude, das zuvor als “Headquarter” (Hauptsitz) der Royal Navy (königliche Marine) im Zweiten Weltkrieg genutzt worden war. Mit seinen 4 Säulen im vormaligen Eingangsbereich und umgeben von einem neugestalteten Garten, beherbergte es mit der Eröffnung zwei Hospizstationen und Therapieräume sowie Küche, Wäscherei und Stauraum im Keller.

Später wurde eine 3. Station gebaut und weitere Räume wurden in einen Gemeinschaftsraum, eine Kapelle, einen Personalraum, Büros einen Seminar- und einen Raum für Pflanzen (Gärtner) umgewandelt. Dieser Umbau endete 1986.

Über die Jahre wurde das Hospiz erweitert und 2012-2014 einer vollständigen Erneuerung unterzogen. Das Hospiz zog für diese Zeit an einen anderen Ort und ist nun seit 2014 mit komplett überholten Räumlichkeiten und sehr moderner und gemütlicher Ausstattung zurück.

Das alte, denkmalgeschützte Haus wurde eingebunden und 2 weitere Häuser erbaut. Diese sind über offene und gläserne Flure miteinander verbunden. Sie umsäumen das alte Gebäude und geben durch die vollkommen verglasten Gänge die Sicht darauf wie auch auf einen kleinen Innenhof frei.
Hier sind Bänke vorhanden und Hochbeete mit Keramikblumen angeordnet, von denen bereits eine Vielzahl mit den Namen Verstorbener versehen sind. Dieser Ort lädt wahrlich zum Verweilen ein. Er ist ein Platz für Stille und Einkehr, Trauer und Erinnerung sowie Freude und Sein mit und an der Natur.

Die Glaswände der Gänge und des Cafés sind mit einzelnen Worten verziert, die einerseits die Grundwerte der Hospizgemeinschaft widerspiegeln, als auch zum Nachsinnen über die eigenen Werte und Wünsche anregen. So z. B. im Café die Worte: Safety (Sicherheit), Grace (Gnade), Community (Gemeinschaft), Faith (Glaube, Vertrauen), Love (Liebe), Comfort (Trost) und Opportunity (Chance, Gelegenheit).

Stationen und Einheiten

Es gibt 2 Stationen (Inpatient Units) mit stationärer Versorgung und Begleitung erfahrener Palliative Care Pflegekräfte: Cedar Ward ebenerdig und Pentland Ward auf der ersten Etage. Jede Station bietet jeweils 9 Einzelzimmer und 2 3-Bettzimmer, sodass insgesamt 30 Hospizbetten zur Verfügung stehen (im Gegensatz zu einer gesetzlichen Vorgabe von max. 8-16 in Deutschland).

Tageshospiz (Day Hospice Service)

Das Tageshospiz ist für diejenigen gedacht, die am Anfang einer Erkrankung stehen. Derzeit können Patient*innen an 2 Tagen unter der Woche das Tageshospiz besuchen (Montags und Donnerstags 10-15 Uhr) und an 2 weiteren Tagen dort Komplementärtherapie in Anspruch nehmen. Dieses Angebot soll in den nächsten Monaten erweitert werden und schließlich sogar “peer support drop-in sessions” (Gespräche und Treffen mit ebenfalls Betroffenen) sowie “carer support” (Unterstützung in der Pflege durch kommunale Angebote) und medizinische, psychologische und emotionale Unterstützung durch ein spezialisiertes Team ermöglichen. Das Tageshospiz arbeitet eng mit den Hausärzt*innen der Patient*innen sowie der Gemeindepflege zusammen.

“Outpatients” – ambulante Patient*innen

Derzeit wird für schwerstkranke und sterbende Menschen einmal die Woche eine ärztliche Sprechstunde zu Symptomkontrolle angeboten, die in nächster Zeit um Sprechstunden, geleitet von Pflegekräften, erweitert werden soll.

Personal

Die Pflege des Hospizes wird von einem “Community Palliative Care Team” (kommunaler Pflegedienst) erbracht, der im Hospiz stationiert ist und von dort aus die stationären Patient* innen und ihre An- und Zugehörigen als auch schwerstkranke und sterbende Menschen in der Gemeinde in der Häuslichkeit, im Pflegeheim und in kommunalen Krankenhäusern an 7 Tagen die Woche versorgt, berät und unterstützt.
Das kommunale Pflegeteam besteht aus 6 in Palliative Care spezialisierten Pflegekräften und arbeitet eng mit Hausärzt*innen, Gemeindepfleger*innen und Krankenhausteams zusammen.

Finanzierung

Seit dem Tag der Eröffnung hat das Hospiz den Status einer unabhängigen Wohltätigkeitsorganisation (Charity) in der eigenen Kommune, um der dortigen Gemeinschaft Pflege und Unterstützung zu gewähren. Alle Leistungen sind kostenfrei für Patient*innen und ihre An- und Zugehörigen (wie in Deutschland auch).

75% der Kosten werden allerdings über Fundraising abgedeckt, 25% kommen aus dem NHS (National Health System = nationales Gesundheitssystem).
In Deutschland übernehmen hingegen die Krankenkasse oder die Kranken- und Pflegekasse, sollte ein Pflegegrad vorhanden sein, 95% der offiziell einkalkulierten Kosten, sodass lediglich 5% über Spenden einzuwerben sind. Die Wirklichkeit sieht noch etwas anders aus, denn Kosten für bspw. Trauerarbeit, größere Fortbildungen oder Öffentlichkeitsarbeit sind dort grundlegend nicht einkalkuliert.

Dennoch: In Schottland als auch UK allgemein haben Hospize weitaus mehr finanzielle Mittel einzuwerben und das tun sie sehr erfolgreich vor allem über den Anschluss an große Wohltätigkeitsorganisationen (Charity), wie z. B. Macmillan, das Ausrichten oder die Beteiligung an Events, über die Gründung und Weiterentwicklung von Vereinen, wie den “Friends of St Columba’s Hospice”, in denen sich Mitglieder zusammenfinden, die regelmässig oder unregelmässig für das Hospiz spenden sowie über den Aufbau lokaler und regionaler Shops, die als Charity Shops des entsprechenden Hospizes oftmals durch Ehrenamtliche selbst hergestellte oder auch erworbene Produkte anbieten.

Patient*innen und ihre An- und Zugehörigen

Patient*innen, die in das St Columba’s Hospice kommen, haben eine Vielzahl an Erkrankungen, wie Krebs, neuronale Erkrankungen, Herz- und Atemwegserkrankungen oder anders.

Mit einer Überweisung durch “primary care health or social care professionals” (Pflegekräfte, Ärzt*innen, Sozialarbeiter*innen oder andere (doch unterschiedlich zu Deutschland – ein Blick auf das auszufüllende Formular lohnt sich 😉)) gelangen Patient*innen in das Hospiz, wenn ihre Erkrankung eine fortgeschrittene Stufe erreicht hat. Außerdem sind Aufenthalte über kurze Zeiträume möglich. Patient*innen, deren Symptome schwer zu händeln sind – z. B. Schmerzen oder Übelkeit und Erbrechen – benötigen oftmals weitaus mehr Unterstützung als Familie und ambulante Pflege (Community Care) bieten können. Ca. 40% aller stationär aufgenommenen Patient*innen verbleiben nur für eine Weile im Hospiz und können nach Hause zurückkehren, sobald die Symptome angemessen kontrolliert werden können.

Während die Symptomkontrolle überaus wichtig ist, wird beständig versucht, alle anderen physischen, emotionalen, sozialen und spirituellen Leiden und Bedürfnisse zu lindern und zu verbessern. Ein multiprofessionelles Team von Ärzt*innen, Pfleger*innen, Physio- und Ergotherapeut*innen und Mitarbeitenden aus Sozialer Arbeit, Seelsorge, Pharmazie, Beratung sowie komplementärer Therapie (Massage, Reiki, Aromatherapie, indische Kopfmassage, craniosacrale Therapie) und weiteren Professionen, wie Friseure, trägt dafür Sorge.

Besuche sind rund um die Uhr möglich, Kinder sind herzlich willkommen, und sogar Haustiere können nach vorheriger Absprache mitgebracht werden. Rooming-In – die Übernachtung von An- und Zugehörigen – ist in speziellen Rämlichkeiten möglich (Family Bedrooms).

Entlassung/Überleitungspflege

Eine Entlassung/Überleitung wird eingeleitet, wenn sich der Zustand stabilisiert hat und die/der Patient*in sicher an einem anderen Ort aufgehoben ist. Konnten die Symptome gut eingestellt werden, wird gemeinsam mit der/dem Patient*in über eine mögliche Entlassung aus dem Hospiz bzw. eine Überleitung in eine andere Einrichtung inklusive aller Notwendigkeiten der Pflege, Behandlung und Begleitung gesprochen. Hier gilt es, gemeinsam herauszufinden, was der beste Ort ist. Das stationäre Hospiz als “specialist unit” (Spezialeinheit) ist dann erneut in der Lage, andere, die einen stationären Hospizaufenthalt benötigen, aufzunehmen.

Das oder die Entlassungs-/Überleitungsgespräch(e) (discharge planning meeting) werden gemeinsam zwischen allen Beteiligten geführt. Neben den zuständigen Pflegekräften, Therapeut*innen und Ärzt*innen, können weitere Personen auf Wunsch der/des Betroffenen beteiligt werden.
In diesem Gespräch wird die Möglichkeit gegeben, Fragen zu stellen, Sorgen zu besprechen und sich selbst zur weiteren Planung einzubringen. Der Sinn einer oder mehrerer solcher Treffen ist es, gemeinsam einen genauen Plan zu erstellen sowie alles Erforderliche vorzubereiten.

Sollte eine Entlassung/Überleitung nicht möglich sein, die/der Patient*in jedoch kein/e “hospice specialist palliative in-patient bed” (spezialisierte stationäre Pflege und Behandlung in einem Hospiz) mehr benötigen, könnte die Versorgung und Begleitung über “Hospital Based Clinical Complex Care (HBCCC)” eine gute Möglichkeit des weiteren Vorgehens sein. Eine Überweisung zu “HBCCC” wird durch die/den Ärzt*in oder leitende Pflegekraft initiert und durch die/den zuständige/n Berater*in vorgenommen.

“HBCCC” bietet seit 2014 die Möglichkeit, für einen Zeitraum eine “krankenhausähnliche” Pflege und Behandlung auch in der Häuslichkeit, also in Pflegeheimen, Wohngemeinschaften, der eigenen Häuslichkeit oder an anderen Orten des “Zuhauses” zu erhalten. Dies vor dem Hintergrund, dass a) die allermeisten Menschen die Zeit bis zu ihrem Lebensende nicht im Krankenhaus, sondern in ihrem/einem Zuhause verbringen möchten und b) Einige dennoch in ihrem Zuhause für einen Zeitraum einer besonderen, komplexen und ausführlichen Pflege und Behandlung bedürfen.

Aus- und Fortbildung

Das hausinterne Ausbildungszentrum eröffnete 2012 und bietet verschiedene Möglichkeiten für diejenigen, die in der Pflege von Menschen mit fortgeschrittenen und lebensbegrenzenden Erkrankungen tätig sind. Einzelne Studientage und kleinere Kurse als auch formalere Programme mit Anschlüssen bis hin zum Master Niveau werden angeboten.
Auch interdisziplinäre und evidenzbasierte Studienprogramme Palliative Care in Kooperation mit der Queen Margaret Universität können belegt werden. Des Weiteren ist das Thema “Forschung” ein großes, das in der Zusammenarbeit mit Universitäten und Studierenden beständig ausgeweitet wird.

Aktuelle Forschungsarbeiten haben einen direkten Bezug und Nutzen für die Praxis. Der Fokus liegt auf 5 Kerngebieten:

  • Clinical interventions in palliative and end of life care – We are currently involved in an intervention trial of a treatment aimed at alleviating cancer associated weight loss.
  • Innovation in palliative care services
  • Psychosocial and emotional care – We are undertaking a project to evaluate and optimise person-centred care within the Hospice.
  • Engagement with the community – We are currently involved in carrying out a review of published literature surrounding community engagement in palliative care.
  • Arts and humanities in palliative and end of life 

Fakten 2015-2016

  1. 2015-2016 wurden 1.145 Patient*innen in das St Columba’s Hospice überwiesen
  2. Das Hospiz hat 30 Betten
  3. 34% aller Patient*innen konnten nach Einstellung der Symptome entlassen werden
  4. Das Tageshospiz hat 137 Patient*innen willkommen geheißen
  5. 680 Ehrenamtliche kümmerten sich gemeinsam mit dem hauptberuflichen Personal um das Hospiz und die Patient*innen sowie deren An- und Zugehörigen
  6. Die Zeit, die Ehrenamtliche gaben, macht 1 Mio. Britische Pfund/Jahr aus
  7. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Hospiz betrug 19 Tage
  8. Die Berater*innen unterstützten 156 Patient*innen sowie deren An- und Zugehörige
  9. Der ambulante Pflegedienst (Community Service) führte über 3.000 Besuche bei mehr als 500 Patient*innen durch
  10. Patient*innen und deren Angehörige konnten 657 Stunden Therapie und Friseurbesuche genießen
  11. Die jährlichen Kosten für die Unterhaltung des Hospizes belaufen sich auf 8 Mio. Britische Pfund. 75% davon werden über Fundraising eingeworben.

Quelle der hier verwendeten Daten sind der Bericht der Rezeptionistin sowie die ausführliche Webpage des St. Columba’s Hospice und eigenes (Un-)Wissen über das deutsche System 😉

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1 Kommentar

  1. Hach, wie interessant: Das war wohl der bisher längste Blogeintrag (ich lese sie alle) …da sieht man gleich, was dir am Herzen liegt, dich belebt und dich bewegt 😉
    Liebe Grüße an euch beide von C&A

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