Begegnung in Verletzlichkeit

Vorhin in der U-Bahn. Auf der Bank uns gegenüber sitzt ein Mann, neben ihm ein freier Platz, dann eine junge Frau. Noch während die Bahn fährt steht er auf, um sich für den Ausstieg in Kürze auf den Weg zur Tür zu machen. Er wirkt unsicher auf den Beinen und touchiert während des Laufens die übereinandergeschlagenen Beine der Frau. Er steht sodann an der Tür, dreht sich zu ihr um und sagt: “Mit mir könnt Ihrs ja machen, Ihr Ausländer.“ Sie entgegnet: “Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, Du Rassist.“ Er steigt aus. Ich bin perplex. Während die Bahn weiterfährt rollen der jungen Frau Tränen über das Gesicht. Ich halte kurz inne und bewege mich zu ihr hinüber, frage, ob ich Sie etwas fragen könne. Sie bejaht. Ich: “Passiert Ihnen das oft mit diesen Sprüchen?“ Ich hockte mich vor sie. Sie: “Ich bin so aufgewachsen.“

Mir rollten die Tränen über das Gesicht, ihr erging es genauso. Wir schauten uns direkt in die Augen. Was tun wir Menschen uns an? Ist das Berlin 2018? Ist das Deutschland, die Welt heute, dass Menschen mit rassistischen Kommentaren, mit Diskriminierung aufwachsen müssen, dass dies zu ihrem Alltag gehört?

Sie sagte: “Weine nicht.“ und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Ich: “Aber Sie weinen doch auch!“ Wir mussten beide lachen. An der nächsten Haltestelle mussten wir raus. Sie sprang auf und umarmte uns weinend. “Danke, danke.“

Was nachwirkte: Wir alle unterstützen solch unmenschliches Verhalten, indem wir weggucken, nichts sagen, ignorieren, unter den Teppich kehren und damit die Ausführenden in ihrem Verhalten und in ihren Ansichten bestärken und die Opfer schwächen. Dabei sind und wollen wir alle dasselbe: glücklich sein und nicht leiden. Wir müssen zusammenhalten und unseren Wert schätzen. Alle.

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